Sie gaben nicht allzu viel auf ihn, den Mann aus Brig, den Walliser, Manager bei der Lonza, auf ihn, der sein Amt, so hieß es, nur erhalten habe, weil man keinen anderen dafür gefunden habe. Er, der studierte Ökonom, Oberst im Generalstab, sprach an diesem Tag im Winter 1998 im Börsensaal in Zürich vor der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft und hielt eine Rede, wie sie Amtsträger gern halten: Dem Land geht es schlecht, ich sage Ihnen nun, was zu tun wäre.

Aber Fritz Blaser, der damalige Arbeitgeberpräsident, entwickelte einen überraschenden Gedanken: Nicht weil er damit die Schweiz auf den Kopf stellen würde, nein, weil er von einer Schweiz erzählte, die es vielleicht schon damals, spätestens aber bald darauf nicht mehr geben sollte. Einer Schweiz, in der die Sozialpartnerschaft die Gesellschaft trägt, das Land zusammenhält.

Fritz Blaser also forderte Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf, "mehr Leadership" zu übernehmen. Er sah die Sozialpartner, so notierte es die Neue Zürcher Zeitung, als "Sanierer der Schweiz".

Seither aber krampft diese Partnerschaft, sie funktioniert zwar in den Betrieben und in einigen Branchen – aber als politischer Machtfaktor verliert sie an Kraft.

Als Zusammengehen von zweien, die sich am Verhandlungstisch zwar gegenübersitzen, einander etwas abluchsen wollen, deren Interessen sich aber doch immer mal wieder überschneiden, weil sie wissen: Ohne den anderen können sie nicht sein.

Als eine Gesprächsarena, in der es nicht allein um Ideologie, sondern um pragmatische Lösungen geht. Um ein kalkulierendes Abwägen statt Rechthaben aus Prinzip.

Das zeigte sich auch in den vergangenen Wochen und Monaten, im Abstimmungskampf um die große Rentenreform, über die wir am kommenden Sonntag abstimmen. Aus der Diskussion um eine technische Vorlage mit kompliziert gegengerechneten Ausgleichsmechanismen, einem Päckli, in dem für möglichst viele etwas steckt und das ebenso vielen etwas nimmt, daraus wurde ein ideologischer Großkampf. Erbittert geführt, mit einem riesigen Kollateralschaden – der Sozialpartnerschaft.

Dabei gehörte eine Rentenreform eigentlich zu den Kernanliegen der Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften.

Es waren Arbeitgeber, teilweise staatliche, die in der Schweiz die ersten Altersvorsorge-Institutionen einrichteten, Pensionskassen, in die sie und ihre Angestellten einzahlten, damit jene im Alter nicht darben müssen.

Es waren Gewerkschaften, die jahrzehntelang für eine Einführung einer AHV kämpften, bis sie endlich, 1948, damit durchkamen.

Und es waren Arbeitgeber und Gewerkschaften, die 1972 gemeinsam gegen linksaußen, gegen die Partei der Arbeit agierte, die eine Volkspension einführen wollte. Stattdessen weibelten sie für das sogenannte Drei-Säulen-Modell. Seither sichern sich die Schweizer fürs Alter mit der AHV, einer Pensionskasse und der privaten Vorsorge ab; angenommen wurde die Vorlage auch, weil gleichzeitig eine weitere AHV-Revision angekündigt wurde, die achte. Sie sollte die bestehenden Renten auf einen Schlag verdoppeln.

Arbeitgeber und -nehmer arbeiten gemeinsam am Erfolgsmodell Schweiz. So oder ähnlich würde das in einer der offiziellen Amtsträger-Reden formuliert werden.

Davon ist nichts mehr zu spüren und zu hören. Nicht erst seit heute. Die letzte Reform der Sozialwerke, die in Minne und Harmonie gelang, war jene der Arbeitslosenversicherung von 1995. Seit Beginn des Jahrzehnts waren die Arbeitslosenzahlen von 15.000 auf 180.000 gestiegen, parallel gab es immer mehr Langzeitarbeitslose.

Deshalb forderte der christlich-soziale Gewerkschaftspräsident und Nationalrat Hugo Fasel in einer Motion eine bessere Beratung der Arbeitslosen: weg von der Stempelkontrolle, hin zum Gespräch. Die Arbeitgeber unterstützten das Anliegen, obschon sie wussten: Arbeitslose zu betreuen, das kostet mehr, als sie einfach nur zu verwalten. Die Revision kam schlank durch, sodass bereits Ende 1996 über 125 sogenannte regionale Arbeitsvermittlungszentren (RAV) in Betrieb waren, wozu 2.000 neue Mitarbeiter rekrutiert werden mussten.

Der Zeitgeist war es, der wirtschaftliche Druck immens, nur deshalb rauften sich alle Beteiligten zusammen. So lautet eine gängige Erklärung, wieso damals gelang, was heute undenkbar scheint.

Tatsächlich, als 1997 die Konjunktur wieder anzog, die Krise durchschritten war, konnten sich die Sozialpartner bereits nicht mehr auf eine weitere ALV-Revision einigen. Dabei sollten die Taggelder leicht gekürzt werden. Ein linkes Arbeitslosenkomitee aus La Chaux-de-Fonds ergriff das Referendum, die SP und die Gewerkschaften reihten sich ein – und gewannen an der Urne hauchdünn.