Bis zur Wende hieß Sangerhausen Berg- und Rosenstadt. © Christine Rösch für DIE ZEIT

Deutsche Mitte, Sommerland. Von Halle gen Kassel unterwegs, durcheilt der Silberzug Abellio das Mansfelder Hügelpanorama. Es schwingen die Wiesen und Felder; eingestreut sind Dörfer. Hinter Riestedt verkündet der Zugfunk: "Nächster Halt Sangerhausen." An Bord befinden sich süddeutsche Senioren. Vielstimmiges Bayern-Echo: "Jetzt kommt Sangershausen!"

Ich leide, immer wieder. Grundsätzlich vermanscht der Abubü (Altbundesbürger) das thüringische Sondershausen und meine sächsisch-anhaltinische Heimatstadt zur Einheitskommune. Sage ich etwa Düsselsheim, oder Rüsselsdorf? Abellio hält. Die Bayern steigen aus, wohl doch am rechten Ort. Es fällt das magische Wort: Rosarium.

Bis zur Wende hieß Sangerhausen Berg- und Rosenstadt. Von dieser lichten Vergangenheit kündet in der Bahnhofshalle Wilhelm Schmieds volksgemeinschaftliches Wandmosaik aus dem Jahre 1963. Damals war Sangerhausen grau und vollbeschäftigt. Heute empfängt Rollator City: eine bunte, kriegsverschonte Ackerbürgerstadt mit vielen Rentnern, ohne Industrie. Zwei Stunden Zeit? Man lasse sich treiben, immer geradeaus.

Man kullert den Bahnhofsberg hinab, durchs grüne Gewölbe der Bäume. Man kreuzt die Ernst-Thälmann-Straße und passiert die kleine Marienkirche von 1350. Das Flüsschen Gonna trödelt unter seiner Brücke. Dahinter beginnt, sanft ansteigend, die Göpenstraße, Sangerhausens schüchterner Boulevard. Von dessen Ende blickt man auf die Majestät der Kupferschiefer-Halde. Sie thront über der Stadt, 145 Meter hoch, 15 Millionen Tonnen schwer, eine Cheops-Pyramide des Industriezeitalters. Droben auf dem Thomas-Müntzer-Schacht haben wir als Schüler Unterricht in der sozialistischen Produktion genossen und Abbau-Hämmer repariert.

Sangerhausens Kupferzeit endete mit der DDR. Mein altes Kino hat überlebt. Das Central-Theater bietet Flimmerschrott – wie anders 1975, als ich dort Filmvorführer war und Blutige Erdbeeren, Die Legende von Paul und Paula und Ingmar Bergmans Ehedramen projizierte. Den schönen Markt bewimmeln Händler und Hausfrauen. Unbeirrt neigt die spätgotische Jacobikirche ihren schiefen Turm nach Westen. Sie ist geöffnet. Ich weiß noch, wie der Dachstuhl brannte, sonntagmorgens, am 2. Mai 1971. Zu Pfingsten 1984 war ich bereits Vikar und hielt hier meinen Examens-Gottesdienst, gemeinsam mit Vater, dem Pfarrer von St. Ulrich. Auch seine Kirche steht offen: stilreine Romanik, 1140 vollendet. Errichten ließ sie Thüringens Landgraf Ludwig der Springer, zur Sühne. Der Wartburg-Gründer war des Mordes angeklagt.

In Sangerhausen kann man sich verlieren, Gässchen und Winkel erkunden, lauschen, träumen. Und riechen: Rosen, überall Rosen, an Wänden, Spalieren, Kletterbögen. Sommerdurst! Unerschrockene Zecher tränkt der allerletzte Laden (Riestedter Straße 16), ein proletarischer Steh-Ausschank, dessen Kundschaft populäre Ansichten in urwüchsiges Deutsch zu kleiden weiß. Leider kommt das Bier nicht mehr aus der legendären Mammut-Brauerei. Einst hieß es: Mammut-Bräu, das Unerreichte, dreie säufste, viere seichste.

Wer hier versackt, verpasst Sangerhausens Nonplusultra. Man trinke aus und folge der Pflasterspur aus weißen Rosen. Sie führt zum bedeutendsten Rosengarten der Welt. 9.000 Arten versammelt dieses 1903 eröffnete Bergparadies, in dem ich als klammer Schüler Gärtnergeld verdiente. Nur die berühmte Schwarze Rose enttäuschte schon damals. Nigrette, 1933 gezüchtet von Max Krause, war und blieb ein Mickerlieschen.