Eine Überraschung, wenn man Daniela Reis und Fritzi Ernst trifft: Die beiden Sängerinnen der Band Schnipo Schranke sind gar nicht so wild, wie ihre Musik klingt. Dass sie sonst so breitbeinig singen: "Ich brauche Liebe, brauche Halt, und einen, der mich knallt", mag man kaum glauben. Schüchtern wirken sie, deren Songs man in diesem Jahr "gar nicht entgehen" konnte, "nicht mal als weitgehender Ignorant neuester popmusikalischer Entwicklungen", wie die FAZ schrieb, um dann zu fragen: "Wohin diese beiden Frauen wohl fliegen könnten?"

Noch sitzen sie, und zwar auf einer Terrasse in der Hamburger Neustadt, rauchen Billigzigaretten von Aldi, trinken Filterkaffee mit Milch und Zucker. Sie sehen aus, als kämen sie gerade vom Sofa: Daniela Reis trägt eine abgeschnittene Jogginghose und einen alten XL-Kapuzenpulli am schlacksigen Körper, ihr Freund hat ihn aussortiert. Ihre Haare wuscheln um ihren Kopf. Fritzi Ernst steckt in einer weiten Leinenhose und einer Blousonjacke. Wenn die eine etwas sagt, blickt sie zur anderen – um zu sehen, ob sie sich mit dem letzten Satz nicht zu weit aus dem Fenster gelehnt hat. Über Geld reden und über Vorsorge, das machen sie sonst selten. Dabei haben sie erlebt, was für viele Menschen ihres Alters Alltag ist: ein Leben zwischen Konsum und Dispokredit.

"In der Pubertät glaubt man, wer man ist, hätte was damit zu tun, welche Klamotten man trägt."
Daniela Reis

Bei Konzerten tragen Schnipo Schranke, kurz für Schnitzel mit Pommes, Ketchup und Mayo, schon mal weiße Feinripp-Unterwäsche für Männer – mit Eingriff. Sieht nicht gut aus, und das wissen sie. Aber es ist eine Absage an das Leben, das sie früher geführt haben, als sie noch "Shopping-Girls" waren, so sagt Ernst das. Für die neue Klamotte, von der sie glaubten, sie haben zu müssen, gaben sie all ihr Geld aus – und manchmal noch mehr. "Überall, wo ich auf Lastschrift oder auf Rechnung bestellen konnte, habe ich das auch gemacht", sagt Reis, "ich hatte ja nichts zu verlieren."

"Das Beste, was Geld dir bieten kann, ist ein Zuhause, das dir keiner so schnell wegnehmen kann."
Fritzi Ernst

Reis und Ernst haben sich im Studium an der Musikhochschule in Frankfurt kennengelernt, Reis studierte Cello, Ernst Blockflöte. Im Studium bekamen sie Bafög oder Geld von den Eltern, mit Musikunterricht verdienten sie was dazu. Das Geld war knapp, sie aßen Reis mit Ketchup und Nudeln mit Parmesan. Als sich Daniela von ihrem Freund trennte, zog sie für ein Jahr sogar ins WG-Zimmer von Ernst. Ohne eigene Wohnung sei sie "permanent von Heimweh geplagt" gewesen, erzählt sie, "so rastlos war ich". Ohne Geld müsse man Kompromisse machen, etwa weil man wo wohnen muss, wo man nicht leben will.

"Geld macht nicht glücklich. Aber kein Geld zu haben macht wahnsinnig unglücklich."
Daniela Reis

Urlaub, neue Klamotten, Essen gehen – das konnte sich Daniela Reis nie leisten. "Ich hatte überall Schulden", erzählt sie, "bei meiner Schwiegermutti, bei Freunden, bei Fritzi." Einmal brachte sie ihr Cello ins Pfandleihhaus, um mit den 1.500 ausgelösten Euro in den Urlaub nach Thailand fliegen zu können. "Mein Freund fuhr, ich wollte eben auch mit." Um die Schulden abzubezahlen, nahm sie Gelegenheitsjobs an – etwa in der Pommes-Bude eines Freizeitparks bei Frankfurt. "Da dachte ich, wenn das jetzt das Leben ist, von morgens bis abends arbeiten, sechs Tage die Woche, das mache ich nicht mit", sagt Reis. "In der Zeit war ich total lebensmüde."

"Mich nervt diese Rentenversicherung. Das ist eine Frechheit, dass man da einzahlen muss."
Fritzi Ernst

Heute kommt genug Geld rein, damit es zum Leben reicht. Weil sie jetzt mehr verdienen, müssen sie auch mehr an die Künstlersozialkasse überweisen. Das sei "voll in die Tonne bezahlt", sagt Reis, "wer weiß, was in 40 Jahren ist. In einer kaputten Welt braucht man kein Geld mehr." Die beiden träumen von einem eigenen Haus. Das sei die bessere Vorsorge: "Das kann einem keiner wegnehmen." Dafür müssten sie zu sparen anfangen, dafür reicht aber das Geld noch nicht.

"Je mehr Geld ich habe, desto mehr fürchte ich, dass es wieder verschwinden könnte."
Daniela Reis

500 Euro in bar – so viel Geld hat Reis im Portemonnaie. "Ich fühle mich einfach besser, wenn ich viel Cash dabeihabe", sagt sie. Jetzt könne sie spontan ein Auto mieten und wegfahren oder sich etwas Größeres leisten. "Wir finden ja eigentlich: fuck money, aber Geld bietet auch Sicherheit – und das ist angenehm", sagt Ernst.

"Freiberuflich arbeiten und Sicherheit passt schon zusammen, man hat ja alles selbst in der Hand."
Fritzi Ernst

Erfolg könne man beeinflussen, sagt Ernst, es komme eben auch darauf an, wie viel Mühe man sich gebe. Am Anfang sei sie nicht so sicher gewesen. "Heute wissen wir, dass manche Leute unser Zeug hören wollen."