Wenn ihr dieser Arzt jetzt nicht hilft, wird Bella ersticken, dabei ist sie erst zwei Jahre alt. Gerhard Oechtering betritt den Operationssaal der Universitätsklinik Leipzig. Oechtering, einer der weltbesten Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten, trägt wie immer Mundschutz, mintgrüne OP-Kleidung, einen weißen Kittel.

"Und wen haben wir heute?", fragt Oechtering. Um ihn herum fiepen Apparate, auf einem großen Flachbildschirm sind die Bilder des MRT zu sehen: ein Kopf in Scheibchen, von der Seite, von vorne.

"Bella aus Hemhofen", sagt eine der Assistentinnen, während Oechtering sich auf seinen OP-Stuhl fallen lässt. Er ist ein großer, schwerer Mann, 60 Jahre alt, mit Vollbart und kurzem grau meliertem Haar, das mal rot war. Draußen jault ein Patient, der gerade aus der Narkose aufwacht.

Vor ihm liegt Bella. Sie hat alle viere von sich gestreckt, der Rachen ist mit einem Stab aufgesperrt, die Zunge hängt schlapp heraus, in ihren Augen ist nur das Weiße zu sehen. Aus einem Tropf sickert Betäubungsmittel in ihr Blut, durch einen Tubus pumpt Luft. Die Assistentin reicht Oechtering einen langen, dünnen Metallstab, auf dessen Kopf eine winzige Kamera montiert ist. Oechtering schiebt ihn vorsichtig in Bellas Rachen. Je weiter die Kamera in Bella vordringt, vorbei am Gaumensegel und am Kehlkopf bis in die Luftröhre, desto enger wird es. Wie bei einem Trichter aus rosafarbenem Fleisch.

Oechtering brummt zufrieden, als habe er genau das erwartet. Es ist ein Bild, das er Tausende Male gesehen hat. Bellas Rachen ist zu schmal, ihr Gaumensegel zu groß, sie hat Säckchen am Kehlkopf, die dort nicht hingehören. "Da kommt keine Luft mehr durch", sagt Oechtering. Er zieht den Metallstab aus dem Rachen, die OP-Schwester reicht ihm das Skalpell.

Bella ist ein Mops, apricotfarbenes Fell, zwei Jahre und drei Monate alt, 9,2 Kilogramm schwer. Sie leidet unter Brachyzephalie, was so viel bedeutet wie Kurzköpfigkeit.

Die meisten Möpse und Französischen und Englischen Bulldoggen haben diese Deformation, auch manche Boston Terrier oder Pekinesen. Ihre Schädel sind verformt, ihre Atemwege zu eng. Sie bekommen zu wenig Luft, um ihre Körpertemperatur zu regulieren, was besonders gefährlich ist, wenn die Temperatur über 25 Grad Celsius steigt.

Oechtering, mit dem Skalpell in der Hand, sagt: "Jeden Sommer sterben mehrere Hundert kurzköpfige Hunde an Überhitzung."

Schuld daran ist der Mensch.

Die Züchter haben den Hunden die Nasen genommen und damit die Luft. Sie kreuzen sie so, dass sie auch erwachsen noch aussehen wie Kinder. Sie stauchen die Köpfe zum Quadrat, sie kürzen die Schnauzen, bis sie platt sind, sie verkleinern den Oberkiefer und lassen die Augen aus dem Kopf quellen. Qualzucht nennt man diese Form der Zucht. Sie produziert Hunde, die dem Menschen besonders gut gefallen und sich deshalb besonders gut verkaufen.

8,6 Millionen Hunde gibt es Schätzungen zufolge in Deutschland. Zwei Drittel davon sind Rassehunde. Fast alle von ihnen, große und kleine, haben Erbkrankheiten, die vom Menschen verursacht wurden.

Der Schäferhund hat eine verkürzte Lendenwirbelsäule und leidet unter Hüftgelenksfehlstellung. Der Bassett unter einer chronischen Bindehautentzündung. Pudeln springt häufig die Kniescheibe heraus. Bei Chihuahuas schließt die Herzklappe nicht richtig. Labradore neigen zu Netzhautschwund, Grauem Star und Epilepsie. Golden Retriever haben oft falsch gewachsene Gelenke, Dackel Bandscheibenvorfälle und Dobermänner einen schwachen Herzmuskel. Kein anderer Hund aber ist so krank wie der Mops.

Gerhard Oechtering hatte früher zwei Irish Setter, Jagdhunde mit rotbraunem Fell, schnell und wendig, einen Mops würde er sich nie kaufen. Nicht weil er ihn nicht leiden kann, sondern weil er mit ihm leidet. "Es gibt keinen einzigen gesunden Mops", sagt er.

Viele Möpse haben neben der Brachyzephalie auch eingerollte Augenlider, zu weite Lidspalten und verdrehte Zähne, sie bekommen regelmäßig Hautkrankheiten und Hirnhautentzündungen. Im Grunde ist der Mops kein Hund, sondern ein Patient.

Die Besitzer der zweijährigen Bella wussten all das. Warum haben sie sich dennoch für einen Mops entschieden?

Noch am Vorabend der OP hatten Eva und Thomas Kuntschnik überlegt, den Termin abzusagen. Die Operation kostet 2.800 Euro, für die Kuntschniks ein ganzer Jahresurlaub. Aber das war nicht der Grund. Sie hatten Angst, Bella könnte während des Eingriffs sterben. Auch wenn das laut Oechtering so gut wie nie vorkommt.

Am Morgen sind sie dann doch um 4.45 Uhr in ihren VW Polo gestiegen und von Hemhofen, einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Nürnberg, nach Leipzig gefahren, zu Professor Oechtering.

Als Bella ein Welpe war, erschien sie den Kuntschniks gesund. Sie wollten unbedingt einen Mops. Möpse sind gutmütig und liebenswert, sie beißen selten, bellen kaum, brauchen wenig Auslauf. Sie sind die perfekten Hunde für die moderne urbane Gesellschaft.

Die Kuntschniks kauften Bella für 1.100 Euro von einem Züchter, der ihnen versicherte, seine Möpse seien gesund. Bellas Schnarchen und Röcheln fanden sie süß.