DIE ZEIT: Mr Visconti, Sie haben die ersten erfolgreichen Alben von David Bowie produziert und auch die letzten. Würde ein Paradiesvogel wie Bowie, wenn er seine Karriere heute begänne, einen Plattenvertrag bei einer großen Firma bekommen?

Tony Visconti: Niemals! Bei einem großen Label hätte jemand wie Bowie, der nicht sofort zu kategorisieren ist, keine Chance. Die Zeiten haben sich geändert.

ZEIT: Sie stehen einer Jury vor, die diese Woche beim Reeperbahn-Festival in Hamburg ein Nachwuchstalent auszeichnen wird. Was erwarten Sie?

Visconti: Ich hoffe auf Freaks, denen ich eine Chance geben will. Denn solche Künstler fallen heutzutage durchs Raster. Der Wirbel, den wir den ganzen TV-Talentshows zu verdanken haben, sorgt für eine Kultur, in der es nur um kommerzielle Triumphe geht. Das ist ein Denkfehler, denn wenn man sich zuerst einmal für die Musik begeistert, folgt das Geld irgendwann automatisch. Das habe ich jahrzehntelang erlebt. Kapiert leider heute keiner mehr.

ZEIT: Warum tun Sie sich dann so eine Jury an?

Visconti: Weil ich trotzdem Optimist bin. Das Versagen der Plattenfirmen hat zur Folge, dass im Musikgeschäft eine Art Wildwest-Stimmung herrscht, eine Alles-ist-möglich-Atmosphäre. Denn wenn du tatsächlich der nächste David Bowie bist, brauchst du gar keine Plattenfirma, um erfolgreich zu sein. Du vertreibst deine Musik auf eigene Faust und spielst so viele Konzerte wie nur möglich. Irgendwann hast du ein Publikum. Jede Wette.

ZEIT: Ist es schwierig, einem eitlen Künstler im Studio zu sagen, dass er gerade nicht gut war und es bitte noch mal versuchen möge?

Visconti: Dafür werde ich doch von den Künstlern bezahlt. Man muss nur wissen, wie man etwas Unangenehmes formuliert, ohne den anderen zu verletzen. Aber Diplomatie funktioniert auch nicht immer. Ich bat David einmal sehr sanft, etwas noch mal zu singen. Er hörte sich meinen Kommentar aufmerksam an, zögerte ein paar Sekunden und antwortete: "Nein! Das mache ich nicht." So etwas muss man auch akzeptieren und damit arbeiten.

ZEIT: Haben Sie sich je mit Bowie gestritten?

Visconti: Und wie! Bei den Aufnahmen zum Album Scary Monsters waren wir beide nicht gut drauf. Ich arbeitete zu viel, und meine Ehe zerbrach zu dieser Zeit gerade, als Bowie mich von London nach New York beorderte. Und dann sagte er am ersten Tag im Studio: "Leute, ich habe keine Musik, nur einen alten Song, den wir überarbeiten könnten!" Mir platzte der Kragen, ich sagte ihm, wie enttäuscht ich von ihm sei. Er bat mich dann, in mein Hotel zurückzufahren. Abends besuchte er mich dort und fragte, warum ich so gereizt sei. Da erzählte ich ihm von meiner kaputten Ehe, und er nahm mich in den Arm, um mich zu trösten. Danach war alles gut. Wenn ich daran denke, kommen mir immer noch die Tränen. Aber ich habe mir auch nicht alles von ihm gefallen lassen!

ZEIT: Sie haben mehr als vier Jahrzehnte mit Bowie gearbeitet. Wie hat man sich Ihren Kontakt vorzustellen? Wer rief wen an?

Visconti: Er meldete sich immer, aber nicht am Telefon, sondern bevorzugt mit einer Mail. Ich habe ihn bewusst nie bedrängt. Manchmal wollte er einfach nur essen gehen. Dann saßen wir beisammen und sprachen über Gott und die Welt: unsere Familien, was der US-Präsident so treibt und so weiter. Er war mein Freund, als er starb, waren wir 47 Jahre befreundet gewesen.

ZEIT: Wie lernten Sie sich kennen?

Visconti: Das war im September 1967, ein Spätsommertag. Ich arbeitete auch für David Bowies Presseagenten, der mich eines Tages in sein Büro bat, um mir etwas vorzuspielen. Ich hatte den Ruf, gut mit schwierigen Typen auszukommen, weil ich mit Marc Bolan (dem Sänger der Band T. Rex, Anm. d. Red.) gut zurechtkam. Ich hörte mir also drei Songs von Bowies Debütalbum an ...

ZEIT: ... das ein kommerzieller Flop war.

Visconti: Genau. Aber ich liebte seine Stimme sofort. Er war erst neunzehn und wohnte noch bei seiner Mutter. Ob ich mir vorstellen könnte, mit ihm zu arbeiten, fragte sein Agent, und als ich bejahte, bat er Bowie herein, der im Nebenzimmer gewartet hatte. Wir saßen dann fünf Stunden beisammen, sprachen über Popmusik, Klassik, tibetischen Buddhismus, Kunst und Filme. Danach gingen wir spazieren. Wir hatten festgestellt, dass wir beide die Filme von Roman Polanski liebten, und als wir an einem Kino vorbeischlenderten, das Polanskis Messer im Wasser zeigte, gingen wir hinein. Danach waren wir Freunde fürs Leben. Dass ich seinen ersten großen Hit Space Oddity nicht produzieren wollte, störte ihn nicht. Ich mochte den Song nicht, hielt ihn für billiges Kassemachen auf Kosten eines historischen Ereignisses. Ein Fehler, den ich natürlich bereue.