Die Taube in der Hand von Sabah Mohammed Salman gurrt behaglich, und wenn man ihn fragt, ob das jetzt ein irakischer oder ein kurdischer Vogel ist, schaut er einen verdutzt an und sagt: "Die habe ich in Holland bestellt." Sie ist seine beste Brieftaube, vor drei Monaten brachte er sie für ein Rennen in den tiefsten Süden des Irak, auf die Halbinsel Fao. Die 900 Kilometer zurück nach Kirkuk im Norden schaffte sie in neun Stunden, Mohammed Salman braucht mit dem Auto fast 15 – wegen der Checkpoints und Militärkonvois, die die Straßen blockieren.

Salman ist ein hoch gewachsener, phlegmatischer Mann, 50 Jahre alt, verheiratet, vier Kinder und im Vorstand des Taubenzüchtervereins von Kirkuk, Stadtteil Korija. Für eine gute Brieftaube blättert er mehrere Hundert, "manchmal auch 1.000" Dollar hin, was zu Hause für Ehestreit sorgt. Aber als Fliesenleger verdient er ordentlich in einem Land, in dem ständig zerstörte Häuser wieder aufgebaut, Kachelböden neu verlegt werden müssen. Demnächst wird Salman vielleicht noch mehr verlegen als ohnehin schon. Doch vielleicht wird er dann nicht mehr in den Süden reisen können, um seine Vögel bei Rennen starten zu lassen. Denn vor Kirkuk könnte dann eine neue Grenze verlaufen.

Die Peschmerga retteten Kirkuk vor dem Kalifat. Nun fordern sie einen eigenen Staat

Am kommenden Montag sollen Iraks Kurden in einem Referendum über ihre Unabhängigkeit abstimmen. Genauer: alle Bewohner der Kurdischen Region im Irak (KRI) und der außerhalb liegenden kurdischen Gebiete, wozu Kirkuk gehört. Anders als das Referendum über den Brexit ist das Votum rein symbolisch. Auf das erwartete überwältigende Ja soll keine einseitige Sezession folgen, es solle vielmehr die "Entschlossenheit der Kurden zur Unabhängigkeit" demonstrieren, wie hochrangige KRI-Vertreter beteuern.

Es ist nicht wirklich klar, was der Präsident der KRI, Massud Barsani, bezwecken wollte, als er die Volksabstimmung vor einigen Monaten ansetzte. Seine schwindende Popularität aufpolieren, sagen seine Kritiker. Der Zentralregierung in Bagdad finanzielle Zugeständnisse für die fast bankrotte Region abtrotzen, vermuten internationale Beobachter. Die irakische Regierung in Verhandlungen über die Unabhängigkeit zwingen, glauben seine Anhänger.

Fragile Region

Quelle: "The Economist" © ZEIT-Grafik

Fest steht jedenfalls, dass Barsani den Widerstand außerhalb der KRI unterschätzt und den Enthusiasmus vieler Kurden offenbar überschätzt hat. So fragil die einst von europäischen Großmächten gezogenen Grenzen im Nahen Osten auch geworden sind, die territoriale Integrität der Nationalstaaten will keiner antasten. Die USA und die EU nicht, schon gar nicht die Nachbarn Türkei und Iran, die mittlerweile recht unverhohlen mit militärischen Schritten drohen. Ganz zu schweigen von Bagdad, wo man das Referendum als Besiegelung eines Landraubs sieht. Denn im Zuge des Krieges gegen den "Islamischen Staat" (IS) haben Peschmerga-Kämpfer strategisch wichtige Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht, die vorher unter der Verwaltung Bagdads standen oder deren Status noch nicht entschieden war. Am gefährlichsten droht der Streit dort zu eskalieren, wo sich Segen und Fluch des Landes ballen: in der Stadt Kirkuk samt gleichnamiger Provinz mit ihren reichen Ölvorkommen und ihrer ethnischen und religiösen Vielfalt. Die Kurden stellen die größte Gruppe, gefolgt von Arabern, Turkmenen und kleineren Minderheiten. Die verschiedenen Konfessionen – Sunniten, Schiiten, Christen – verteilen sich über fast alle Ethnien. Eigentlich sollten sich Bagdad und Erbil laut Verfassung über den Status Kirkuks längst gütlich geeinigt haben. Das ist bisher aber nicht geschehen.

Für Barsani und seine Anhänger ist Kirkuk das "kurdische Jerusalem", für Bagdad der irakische Schatz, den man nicht preisgeben will. Als die irakische Armee 2014 vom IS durchs Land gescheucht wurde, retteten die Peschmerga Kirkuk vor dem Kalifat. Sie besetzten auch die Ölfelder und schufen so Fakten. Jetzt rüsten sie sich gegen eine mögliche Attacke schiitischer Milizen auf die Stadt. Die sind während des Krieges gegen den IS zu einem Machtfaktor geworden. Einige der größten Milizen gelten als verlängerter Arm des Iran. Ein Führer hat bereits mit Angriffen auf Kurden gedroht, sollten die ihr Referendum vorantreiben.

Eigentlich sollten Schiiten und Kurden zusammen mit der irakischen Armee auf die letzte Hochburg des IS in Hawidscha, kaum 30 Kilometer von Kirkuk entfernt, vorrücken. Doch die mühsam zusammengenähte Anti-IS-Koalition, ausgerüstet mit amerikanischen und auch deutschen Waffen, droht nun auseinanderzubrechen. In den Vordergrund rückt der Konflikt zwischen Kurden und Schiiten um Territorium und Öl. Und jetzt kommt auch noch das Referendum.

"Ja", sagt Sabah Mohammed Salman gedehnt, "die Sache mit dem Referendum ..." Salman ist Kurde, neben ihm sitzt sein Vorstandskollege Imad Hatem Hadidi, Lehrer und Araber. Im Vereinsheim der Taubenzüchter sind noch der turkmenische Apotheker, der christlich-assyrische Arzt, der chaldäische Goldschmied mit ihren Tauben anwesend. Die typische Kirkuker Mischung versammelt sich hier, wo es nach Vogelfutter riecht und die große Politik bislang weit weg war.