An einem späten Sommernachmittag fällt die Sonne über der Apfelweinkneipe Zur Stalburg durch das Laub der Platanen auf rot-grüne Holzgarnituren im Freien. Wir sind hier mit jemandem verabredet, der während der vergangenen Monate im Wahlkampf stark umworben wurde – dem kleinen Mann, dem normalen Bürger. Genauer gesagt: mit Daniel Beil, 31, Industriemechaniker bei einem Autozulieferer; Uwe Weller, 53, Zimmermann; Susanne Stengel, 48, Krankenschwester in der Unfallchirurgie; Nora Bernhart, 34, Kellnerin. Wir möchten von ihnen wissen, ob sie sich gemeint fühlen, wenn mal wieder von ihnen die Rede ist. Und falls nicht: Welche Fragen und Themen sie beschäftigen. Wir kennen uns nicht persönlich, es ist ein Blind Date, gewissermaßen.

DIE ZEIT: Entschuldigung, die kleinen Leute – sind Sie das?

Nora Bernhart: Also, ich finde, das ist ein absurder Begriff. Wenn wir die kleinen sind, wer sind denn die großen Leute?

Susanne Stengel: Leute wie wir sind die Basis der Gesellschaft. Einen Zimmermann brauche ich, wenn ich ein Haus bauen will, Sie, Herr Beil, haben vielleicht mein Auto mitgebaut. Und wenn einer von Ihnen mal Pflege braucht, dann landet er bei mir. Kleine Leute, das hört sich so wertlos an.

Daniel Beil: Ich denke auch: Wenn man "die kleinen Leute" sagt, reduziert man sie.

Uwe Weller: Das ist einfach ein Oberbegriff für Leute, die nicht gefragt werden, die Vergessenen. Wir hatten mal einen Kunden, ein hohes Tier von der Deutschen Bank. Bei einem Termin auf der Baustelle ist er mit mir auf sein neues Dach gelaufen, wir haben uns einfach unterhalten. Die Wasserträger von der Baufirma konnten es überhaupt nicht fassen, dass so ein Manager ohne Weiteres mit einem einfachen Handwerker spricht.

ZEIT: Also doch ein kleiner Mann?

Weller: Irgendwie schon, trotz meiner zwei Meter. Ich bin alleinerziehender Vater von zwei Kindern, ich habe kein dickes Bankkonto und fahre kein dickes Auto, und: Ich grenze mich auch selbst ab, nach oben. Das ist nicht mein Freundeskreis.

Wir haben lange überlegt, wen wir für dieses Gespräch an den Abendbrottisch bitten. Machen wir die Auswahl vom Einkommen abhängig? Vom Bildungsstand? Am Ende haben wir uns für Berufe entschieden: solche, in denen man zwar hart arbeiten muss, aber nicht reich wird.

ZEIT: Im Wahlkampf spielten die kleinen Leute eine größere Rolle denn je. Alle Parteien buhlen um ihre Stimmen, versuchen sich ihre vermeintlichen Ängste zu eigen zu machen, um sie nicht an die AfD zu verlieren. Die kleinen Leute sind wütend, heißt es, sie fühlen sich ungerecht behandelt, haben Angst vor Überfremdung und suchen nach Alternativen.

Stengel: Man stellt das jedenfalls gern so hin, dass die kleinen Leute schuld sind.

Weller: Also, ich bin ein aufgeschlossener Mensch. Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit meinem Chef, im Handwerk haben wir nämlich Nachwuchsmangel. Wir haben unheimlich viel Nachfrage und können das gar nicht alles abdecken. Und dann war halt die Frage: Warum versuchen wir’s nicht einfach mit Flüchtlingen? Ich seh da große Chancen drin.

ZEIT: Dem Handwerk geht es gerade so gut wie lange nicht. Die Wirtschaft boomt. Gleichzeitig driftet die Gesellschaft immer weiter auseinander. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Die Mittelschicht schmilzt. Wo sehen Sie sich selbst in diesem Szenario?

Nora Bernhart, 34, Kellnerin –  "Im Alter werde ich arm sein, es sei denn, es geschieht ein Wunder" © Evelyn Dragan für DIE ZEIT

Bernhart: Ich hab als Kellnerin bisher keinen einzigen Euro für meine Rente einbezahlt. Im Alter werde ich arm sein, außer es geschieht ein Wunder. Meine Krankenkasse zahle ich selbst, und wenn ich krank bin, verdiene ich nichts. Aber es geht mir gut.

ZEIT: Klingt gar nicht danach ...

Bernhart: Na ja, ich werde zwar nicht reich mit meiner Arbeit, aber es ist fast schon unverschämt, dass man in einem so prekären Job mehr verdient als Leute in anderen Berufen mit Ausbildung und allem Drum und Dran. Wenn ich sehe, wie wenig eine meiner besten Freundinnen bekommt, die Krankenschwester ist und seit Jahren Schichtdienst macht, finde ich das einfach ungerecht. Jeder weiß, es gibt Leute, die arbeiten voll und müssen am Ende noch mit Hartz IV aufstocken, und die anderen verdienen überproportional viel.

Stengel: Es stimmt schon, dass wir Krankenschwestern zu wenig Geld bekommen für die Arbeit, die wir leisten, Geld bedeutet ja immer auch Anerkennung. Allein könnte ich in Frankfurt von meinem Einkommen nicht leben, da würde mehr als die Hälfte schon für die Miete draufgehen. Das ist auch der Grund, warum es so schwierig ist, Leute zu finden, die den Job machen wollen. Viele junge Menschen sind zwar sozial engagiert, aber wenn du denen erzählst: Vollzeit in der Krankenpflege kriegst du netto 1.500 Euro ... Ich hab mir das allerdings selbst ausgesucht. Seit ich in der achten Klasse ein Praktikum im Krankenhaus gemacht habe, stand fest, dass für mich nichts anderes infrage kommt. Und mir war immer klar, dass ich mit dem Beruf nicht das große Geld verdiene.

ZEIT: Machen Sie sich Sorgen, was die Zukunft betrifft?

Stengel: Bis zur Rente werde ich nicht arbeiten können, das geht körperlich nicht. Ich trete jetzt schon kürzer, arbeite nur noch 20 Stunden. Wenn ich mir meinen Rentenbescheid anschaue, davon kann ich nicht leben. Ich bin zum Glück durch meinen Mann gut abgesichert, aber das Leben kann sich ja auch ganz schnell ändern, dann stehst du allein da. Ich denke da schon mit Sorge dran.