Drei Millionen Nichtwähler? Geht gar nicht. Warum es so wichtig ist, dass wir Jungen zur Wahl gehen

Wir können es nicht mehr hören: "Wählen macht keinen Sinn", hieß es kürzlich bei ZEIT Campus – die wohl gängigste Entschuldigung unter jungen Deutschen, der Urne fernzubleiben. Es ist eine Selbstentlarvung, die zeigt, dass viele von uns unter 30-Jährigen die Demokratie nicht richtig verstanden haben. Am 24. September wird gewählt, und sind die letzten Bundestagswahlen ein Indiz, so wird unsere Generation mal wieder peinliches Schlusslicht in puncto Wahlbeteiligung sein. 2013 waren es gerade einmal 62 Prozent, die sich zum Gang an die Wahlurne bequemen konnten. Oder anders ausgedrückt: Drei Millionen von uns war die Wahl egal, haben sie verschlafen oder sich hinter fadenscheinigen Begründungen versteckt.

Das war nicht immer so. Anfang der achtziger Jahre gingen rund 83 Prozent der jungen Menschen wählen, zwanzig Jahre später waren es immerhin noch durchschnittlich 70 Prozent. In jeder anderen wahlberechtigten Altersgruppe geben heute mehr Menschen ihre Stimme ab, dabei sind wir es, die am meisten zu gewinnen oder eben auch zu verlieren haben. Wir entmachten uns selbst, und das hat ernsthafte Folgen. Wir sind es, die mit den Entscheidungen, die getroffen werden, Jahrzehnte werden leben müssen. Ob Klimadebatte, demografischer Wandel, Migration, europäische Einigung oder Digitalisierung – halten wir uns raus, fliegt uns bald der ganze Laden um die Ohren.

Unsere Großeltern bauten die erste funktionierende deutsche Demokratie auf, unsere Eltern entwickelten sie weiter (im Guten wie im Schlechten), und jetzt, bei der anstehenden Staffelübergabe, entscheiden wir uns für die Nichtbeteiligung. Wir machen uns selbst zu den größten Demokratieversagern des Landes. Eine bemerkenswert konsequente und leider selbstzerstörerische Verhaltensweise. Doch woran liegt’s?

Keine Frage, wir sind eine Generation voller Kreativität und Interessen. Doch die meiste Energie nutzen wir nicht für das allgemeine Wohl, sondern für uns selbst. Als disziplinierte Meister der Selbstoptimierung gehen wir viermal wöchentlich ins Fitnessstudio, posten täglich Frühstücksbilder als Ernährungshypochonder auf Instagram oder setzen all unsere Kraft in die Optimierung von Karriereplänen. Wir sind die Generation Selbstverliebt, die Katzenvideos politischen Talkshows vorzieht und dem Smartphone oft mehr Aufmerksamkeit schenkt als den Mitmenschen. Für all das nehmen wir uns Zeit. Doch geht es darum, ein paar Minuten zum Wählen aufzubringen, winden wir uns in lächerlichen Ausreden und kapitulieren vor der Zukunft, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Dabei steckt jede Menge Verantwortungsbewusstsein, Gerechtigkeits- und Gemeinsinn in uns. Wir kümmern uns um unsere Freunde, wenn es ihnen nicht gut geht. Wir verteidigen unsere Familienmitglieder, wenn sie ungerecht behandelt werden. Und wir haben sicherlich theoretisch verstanden, dass jede unserer individuellen Handlungen immer auch Einfluss auf das große Ganze hat. Jetzt liegt es an uns, all das zusammenzuführen und in konkrete Taten umzusetzen.

Die Auffassung, dass unsere Stimme keinen Einfluss hat und "Wählen doch eh nix bringt", ist ein Trugschluss. Wenn uns die letzten zwölf Monate mit Brexit und Trump eines gelehrt haben, dann wohl das: Wählen entscheidet über die Zukunft, Nichtwählen aber auch. Hätten sich junge Menschen stärker beteiligt, würde Großbritannien wohl Mitglied der EU bleiben, und Trump wäre als Präsident nur eine fiktive Figur aus der Samstagabendunterhaltung. Unsere Stimme hat Gewicht, wir haben Macht, das sollten wir uns in Erinnerung rufen.

Lasst uns einen Versuch starten und zur Überraschung aller Demoskopen, Eltern und Großeltern am 24. September pünktlich auf der Matte stehen. Ein Wahlflashmob sozusagen. Was wäre, wenn die drei Millionen Nichtwähler unserer Generation beim Spiel um die Zukunft mitmachen würden, statt nur am Spielfeldrand zu stehen. Wir wären dann nicht nur die größte Wählergruppe des Landes, wir könnten auch wahlweise Angela Merkel in die Nähe einer absoluten Mehrheit bringen, Christian Lindner auf den Olymp der Shootingstars befördern, den Grünen ein sicheres Mandat für Klimapolitik geben, der Linken helfen, zum ersten Mal die zehn Prozent zu knacken, oder einen siechen Schulz-Zug wieder ins Rollen bringen. Ebenso wichtig: Drei Millionen Wähler, die nicht rechtsnational wählen würden, würden das Ergebnis der AfD um 0,8 Prozent schmälern, was immerhin rund sechs Sitzen im Bundestag entspricht. Und sollten wir wirklich auf die Protestpauke hauen wollen, dann doch bitte richtig: Drei Millionen Stimmen würden eine der vielen kleinen Parteien – von der Tierschutzpartei bis zur Piratenpartei – über Nacht in den Bundestag befördern. So geht Protest, so geht Mitbestimmung, so geht Demokratie.

Die Freude, sich um sich selbst zu kümmern, ist schön und gut. Doch Instagram, Primark-Shopping und ein wohlgeformter Sixpack werden die Welt nicht retten, den Klimawandel nicht bremsen und die Gesellschaft nicht gerechter machen. Wenn wir in unserem Leben nicht auch Platz für unsere Mitmenschen, unsere Gesellschaft und für Europa freiräumen, können wir unser durchoptimiertes und digitalisiertes Leben vergessen. Die Demokratie braucht uns! Wir sind ihr Herzschlag und ihr Lebenselixier. Lasst uns die Zukunft zurückerobern. Es ist gar nicht so schwer. Lasst uns wählen gehen!