Der Unternehmensberater von heute will nicht mehr. Er will nicht mehr 80 Stunden die Woche arbeiten, nicht mehr fünf Nächte die Woche in fünf verschiedenen Betten schlafen. Oder besser gesagt: Vor allem sie will das nicht mehr. Vielleicht hat sie Toni Erdmann, den Film über die durchoptimierte, verlorene Beratertochter, im Kino gesehen oder sich selbst im Spiegel. Work-Life-Balance heißt das, worum es den High Potentials von heute geht. Immer mehr hoch dotierte Unternehmensberater – und eben gerade auch Unternehmensberaterinnen – machen sich seit den letzten Jahren selbstständig.

Das scheint sich zu lohnen. Laut einer neuen Studie verdienen freiberufliche Unternehmensberater sogar mehr als Festangestellte. Besser noch: Die Frauen verdienen in diesem Fall mehr als Männer.

Eine dieser Frauen ist Gesa Miczaika. Die 36-Jährige lebt in Berlin-Mitte, in einem Hinterhofneubau mit Dachterrasse und wildem Privatspielplatz für die Kinder, die in Deutschlands privilegiertester Wohngegend aufwachsen. Miczaika hat eine tiefe, nachdrückliche Stimme. Jede Silbe ist vertonte Autorität.

Schon mit fünf Jahren will sie Bankdirektorin werden. Sie besucht Schulen im Ausland und zieht erst zurück in das Land ihrer Eltern, als sie mit 17 ein Wirtschaftsstudium in Passau beginnt: "Passau war 1998 im Ranking ganz vorne und irgendwie netter als London." Mit 28, frisch promoviert, steigt sie in eine große Beratungsfirma ein, mit 33 leitet sie beim Limousinen-Start-up Blacklane eine Abteilung mit zehn Mitarbeitern.

Dann gründet sie eine Familie: "Ich wusste, ich würde wieder als Unternehmensberaterin arbeiten wollen. Immer. Ich liebe meinen Job, ich liebe es zu reisen. Aber ich will als Mutter selbst bestimmen, wann, wohin und wofür." In ihrer Elternzeit bereitet sie den Schritt in die Selbstständigkeit vor.

Die Beraterbranche boomt, selbst große Firmen stocken Teams immer wieder mit Freelancern auf. Um an Aufträge zu kommen, nützt Miczaika vor allem ihr altes Netzwerk. Und eine Online-Plattform, die seit drei Jahren den deutschen und nordeuropäischen Markt für Beratungsdienstleistungen aufmischt: CoMatch.

Auch CoMatch ist in Mitte ansässig. Man schlendert einfach weiter durchs Scheunenviertel, vorbei an Galerien, Brasserien, Kindermodeläden, bis man vor einem hübsch sanierten Altbau steht. Darin haben mehrere Start-ups ihre Büros. CoMatch hat fast 50 Mitarbeiter, niemand hier ist über 40. Das Start-up versteht sich als ein von den großen Firmen unabhängiger Personaldienstleister für Unternehmensberater. Statt McKinsey, die Boston Consulting Group oder Roland Berger anzuheuern und einen Tross namenloser Anzugträger geschickt zu bekommen, sucht CoMatch mit seinen Klienten zusammen direkt nach dem besten "Consultant-Match", also dem einen Berater, der am besten zu dem Projekt passt – und dabei um einiges günstiger ist, als die Beratungsfirma es wäre.

Wer Beratungsbedarf hat, füllt online ein Formular aus – oder telefoniert mit einem Mitarbeiter – und beschreibt möglichst präzise, worum es geht. Wer freiberuflicher Berater ist, registriert sich, gibt Details zu seinen bisherigen Qualifikationen und Reisebereitschaften an, verifiziert seine Expertise in einem kurzen Gespräch. Dann wartet er, bis CoMatch sich mit einem Projektvorschlag meldet.

Für die Vermittlung bekommt CoMatch zehn Prozent

Gesa Miczaika sitzt in ihrer schicken Küche, in der sich die Babyflaschen stapeln, und zieht ihren Laptop zu sich herüber. CoMatch duzt seine rund 3.000 Berater im Pool. "Hallo Gesa! Hast Du Lust, Dir das hier mal genauer anzuschauen?", heißt es in so einer Anfrage-Mail sinngemäß. Bis man den Job hat, bleiben die Hauptangaben des Auftraggebers lediglich umschrieben: Von einem "großen deutschen Mobilitätskonzern" ist die Rede, nicht von der Deutschen Bahn; "ein mittelständisches Chemie-Unternehmen", "ein renommierter Designmöbelhersteller". Wenn man sich als Berater für die knapp beschriebene Aufgabe interessiert – der Chemiekonzern muss Fässer entsorgen, der Mobilitätskonzern zu einer innovativeren Digitalstrategie finden und der Möbelhersteller schlichtweg seine Verkaufszahlen steigern –, beschreibt man noch knapper, wie man sie zu lösen gedenkt, ob die veranschlagten Beratungstage hinkommen und wie hoch der eigene Tagessatz ist. Dann wirft man sich in den Ring.

CoMatch leitet die Pitches, wie so eine Kurzbewerbung im Beraterjargon heißt, um die Daten des Beraters ergänzt an den Auftraggeber weiter und übernimmt auch sonst das Administrative. Dafür bekommt das Berliner Start-up zehn Prozent Provision von dem Berater, den sich das Unternehmen aussucht. Und der freiberufliche Berater erhält schon nach wenigen Tagen eine Rückmeldung. Monatelanges Warten auf eine Absage, unbezahltes Vorarbeiten, Zahlungsverzug der Kunden: Diese Risiken des kreativen Freelancers kennen freiberufliche Berater nicht, zumindest nicht in solch goldenen Zeiten.