Vor einigen Jahren hat der damalige Chefdramaturg der Berliner Volksbühne, Carl Hegemann, die Wirkung seines Theaters folgendermaßen beschrieben: Dieses Haus sei so weit voraus, dass alles, was hier geschehe, erst viel später von anderen Ensembles nachgeahmt und eventuell begriffen werde. Es komme, was man hier verhandle, irgendwann anderswo "in die Ausschüsse". Wenn das passiere, sei die Volksbühne aber schon wieder weit weg, um nicht zu sagen: uneinholbar vorn.

Hegemanns gar nicht arrogant, sondern eher verschmitzt vorgetragene Beschreibung kommt einem in diesen Tagen wieder in den Sinn. Die alte Volksbühne ist ja dahin – in alle Winde versprengt die tollen, grimmigen Spieler, an anderen Häusern beschäftigt der Chef Castorf und sein Dramaturg Hegemann. Aber erst jetzt, wo sie weg sind, wird das Haus so recht geschüttelt vom Widerstandsgeist, in den Castorfs Kunst sich stets gehüllt hatte. Und noch jetzt stellt die Volksbühne alles andere, was auf Berliner Bühnen läuft, in den Schatten.

Das Haus ist, in der ersten Premierenwoche der Berliner Theatersaison, von einer bunten Menge von Aktivisten besetzt worden. Man muss sich vor Hegemann verneigen und feststellen: Die Ausschüsse sind im Zentrum angekommen, sie tagen in der Volksbühne, ja sie ziehen dauerhaft dort ein. Angehörige der Antifa sind dabei, Studenten der Humboldt-Universität, Menschen vom "Haus Bartleby – Zentrum für Karriereverweigerung", die alternative Berliner Feierszene gesellt sich nachts dazu, während die vielen Menschen, die eine Petition zur Neuverhandlung der Zukunft der Volksbühne unterschrieben haben, hier offenbar keine so große Rolle spielen.

Bekanntlich gibt es in der Stadt großen Widerstand gegen den neuen Volksbühnenintendanten Chris Dercon, einen aus London von der Tate Gallery gekommenen Belgier. Mehr als 40.000 Menschen haben die oben genannte Petition unterschrieben. Sie fürchten, um es mit dem Architekten Axel Schultes zu sagen, eine "Fehlbeseelung" der Volksbühne durch den neuen Herren. Und der frühe Verdacht seiner Kritiker, Dercon werde das Haus von einem Ensemble- und Repertoiretheater hin zu einer "Plattform" für eher austauschbare Programmmodule entwickeln, bestätigt sich inzwischen. Jedoch, wenn man in der besetzten Volksbühne umherläuft, gewinnt man den Eindruck, es gehe den Besetzern um viel mehr als um Theater: Es geht ums Zusammenleben. Kunst soll schon gemacht werden, feiern wollen sie auch, aber vor allem will man das Haus zur Zentrale der Berliner Gentrifizierungsgegner ausbauen – pazifistisch, queer, feministisch, barrierefrei (all das wird von den Verantwortlichen so gesagt). Und nachts stehen Hunderte vor den Türen, das Haus ist wie ein Club, hinter dessen beschlagenen Fenstern die Eingeweihten tanzen. Die Türsteher, so hört man froh, fahren eine weichere Linie als jene des Berghain.

"Die Befreiung des Raumes und seine anschließende Selbstverwaltung verstehen wir als künstlerischen und deshalb politischen Akt: Die Stadt ist Theater, Theater ist Stadt", so sagte bei der "Übernahme" des Hauses am 22. September eine Sprecherin. Drinnen wird eine Art autonomer Republik ausgerufen, das Regelwerk ist straff. Man brauche Leute, "die das Ganze sehr ernst nehmen und das Haus auch schützen", kurzum: die hier einziehen. Wer sich hier aufhält, soll auch mitmachen: "Tragt euch für Dienste ein, damit wir das Haus behalten können", sagt eine Sprecherin. Da wird klar, wie man hier die Verhältnisse sieht. Ohne ein Milligramm Ironie lädt sie Dercons Künstler und ihn selbst ein, "sich in unsere Strukturen zu integrieren" – ein herrlicher Satz, den so auch der örtliche Schutzgeldeintreiber der Mafia zu den Wirten seines Reviers sagen könnte.

Die Aktionisten wollen bleiben, monatelang, vielleicht auch für immer, und von hier aus die Stadt verändern. Im November aber beginnt im Haus Dercons Spielbetrieb, Susanne Kennedy und Tino Sehgal proben derzeit hier. Wie soll das gehen?

Der Regierende Bürgermeister der Stadt, Michael Müller, ist am Tag nach der Besetzung bei einer Premierenfeier anderswo, im Berliner Ensemble, gesehen worden. Zur Volksbühne sagte er öffentlich nichts; aufgetaucht ist er dort auch nicht. Müsste er jetzt nicht unterwegs sein, um die Sache zu klären – im Sinne des Intendanten Dercon, den er schließlich unter Vertrag nahm? Der Kultursenator Klaus Lederer hingegen war aufgewühlt und schlaflos im besetzten Haus unterwegs, verhandelte mit Dercon und den Besetzern, machte aber bis zum späten Redaktionsschluss unserer geduldigen Wochenzeitung keine Anstalten, das Haus räumen zu lassen. Für ihn, der seine große Skepsis gegen Dercon nie verbarg, wird der Handlungskorridor eng – vielleicht zu eng, um heil durchzukommen. Er zeigt Verständnis für die Besetzer, muss aber auch seinen neuen Volksbühnen-Intendanten irgendwie schützen.