Christian "Flake" Lorenz am Keyboard während eines Rammstein-Konzerts in Berlin © Kai Horstmann/imago

Wie gesagt, die Sachen, die locker aussehen, sind oft die schwersten. Aber die Sachen, die schwierig aussehen, sind im Gegensatz dazu nicht etwa leicht, sondern auch schwierig." Was für schöne Sätze, was für schöne Gedanken, man möchte sogleich auch so schreiben, man möchte ihn sofort nachahmen, den Tonfall, in dem Christian "Flake" Lorenz seine tollen Musiker-Memoiren Heute hat die Welt Geburtstag geschrieben hat.

Aber die Sätze sind ja nicht nur schön, sie sind auch noch wahr, und deswegen ist es überhaupt nicht so leicht, so leicht zu schreiben wie er. Nicht nur deswegen ist Heute hat die Welt Geburtstag ein seltsames Buch, sein Inhalt schwierig wiederzugeben, auch wenn es formal so streng aufgebaut ist wie ein Song der deutschen, aber weltberühmten Band Rammstein, bei der Flake Keyboarder ist. Es wechseln sich paritätisch ab: lustige Passagen, in denen Flake zurückblickt auf die frühen und mittleren Jahre der Band (als die Plattenfirma mal 46.000 Mark von ihnen wollte, weil die stets durstigen Rammstein-Mitglieder auf ihrer ersten Tour dachten, die Minibar-Getränke im Hotel seien umsonst; als sie in einer US-Provinzstadt nach einem Auftritt eine Nacht im Gefängnis verbrachten; was Sänger Till Lindemann alles an Tankstellen klaute); sowie ein ausschweifendes Selbstgespräch, das Flake mit sich führt, und zwar vor, während und nach einem Rammstein-Konzert in Budapest, einem dieser international berüchtigten, feuerpolizeilich bedenklichen Wahnsinnsspektakel, für die Rammstein von Millionen Fans verehrt werden. "Jedenfalls", berichtet Flake von der Bühne, "schießt Till jetzt mit dem Flammi, wie wir den Flammenwerfer liebevoll nennen, voll auf mich drauf." Flake muss sich aber nicht nur mit der Pyrotechnik herumschlagen, die der Bühnensadist Till Lindemann am liebsten auf den hilflosen Keyboarder abfeuert, sondern auch mit seiner beständig stinkenden, klebrigen Bühnenverkleidung, mit verdorbenem Essen, Durchfall, Pech bei Frauen (früher sehr viel, heute immer noch viel) und mit der Tatsache, dass Fans und Bandkollegen ihn meist auf liebevolle Weise ignorieren: "Bei einem Voting im Internet, bei dem nach dem beliebtesten Rammstein-Mitglied gesucht wurde, kam ich erst an sechster Stelle. Das ist bei sechs Leuten nicht so gut, aber einer muss ja der Letzte sein. Und da ist es schon besser, wenn ich das bin, denn ich tue so, als wäre es mir egal." Ansonsten beschäftigen Flake höchst existenzielle Fragen nach dem Wesen von Zeit, Tod und dem Verhältnis von Schein und Sein.

Gar nicht existenziell, sondern dummdreist ist natürlich die Frage, ob der Rammstein-Keyboarder wirklich so tickt, also das gleiche vertrottelte Dasein als schüchternes, kränkliches, melancholisches Bandmaskottchen bestreitet wie der Ich-Erzähler, in den man sich spätestens nach 50 Seiten sehr verknallt hat. Die Antwort ist ziemlich egal, denn Flake ist mit Heute hat die Welt Geburtstag so oder so ein kleines Kunststück gelungen. Er rettet das superlangweilige Genre der Rockstar-Biografie, weil er sehr plausibel die Lebensgeschichte und die Geisteshaltung einer Figur namens Flake nacherzählt, die forrestgumphaft die Showtreppe bis ganz nach oben gefallen ist und sich dort auf dem Treppenabsatz jetzt ganz ehrlich darüber freut, wie viel Spaß es macht, ein Rockstar in einer Band zu sein. Flake, der aber auch ein bisschen traurig ist, weil er seine DDR-Jugend vermisst. Und ansonsten für nichts irgendwas kann. "Habe ich noch Träume? Bei mir haben sich ja schon alle erfüllt. Dabei habe ich die meisten dieser Träume, die sich erfüllt haben, nicht einmal geträumt."

Diese Bekenntnisse des Tiefstaplers Flake Lorenz liest man auch gestreckt über 350 Seiten sehr gern, weil sie einen seltsam aufputschen, wie ein Selbsthilfe-Ratgeber für Leute, die sich selbst längst aufgegeben haben. Auch wenn der konkrete, prosaisch ausformulierte Ratschlag, der sich aus der Lebensgestaltung der Figur Flake ableiten ließe, schnell zusammengefasst ist. Als er noch ein Kind war, erzählt Flake, und auf der Straße vor dem Haus Fahrradfahren lernte, habe ihm der Nachbar, über den Gartenzaun gelehnt, zugerufen: "Trampeln, immer trampeln und nicht aufhören!" – "Das waren die einzigen Worte, die er je an mich richtete, bevor er sich erhängte, aber gerade diese Worte waren sehr hilfreich. Einfach nicht aufhören."

Nur ist es, dafür hat der Nachbar ein Zeugnis abgelegt, mit dieser Lebensmaxime genauso wie mit dem Stil, in dem Heute hat die Welt Geburtstag verfasst ist: Man denkt, man könne das ganz leicht nachmachen, das Nichtaufhören. In Wirklichkeit ist es aber ziemlich schwer.

Flake: Heute hat die Welt Geburtstag. Fischer Verlag, Frankfurt 2017; 352 S., 20,– €