Immer, immer wollte ich Mokassins haben, denn meine halbe Kindheit lang war ich Ntschotschi und trug eine schwarze Wollperücke, schlich barfuß durch den Wald meiner Familie beim Sonntagsspaziergang hinterher, bastelte mir Täschchen aus Baumrinde, saß in einem als Tipi verkleideten Zelt und träumte von einem Leben in der Prärie. Nur Mokassins hatte ich keine. Ich konnte sie mir noch nicht einmal wünschen, denn es gab in Deutschland gar keine. Winnetou trug natürlich wunderschöne perlenbestickte Mokassins, die man auf dem Bravo-Starschnitt sehen konnte, den ich mir in Lebensgröße an die Wand gehängt hatte. Jeden Abend stieg ich auf einen Stuhl und küsste meinen großen Bruder auf die Wange. Er schaute an mir vorbei in die Prärie, gleichmütig, aber auch voll sanften Kummers, denn es fehlte ihm der rechte Fuß samt Mokassin, da ich dieses Heft nirgendwo hatte auftreiben können. Diese Tatsache beschwerte meine Tage ungeheuer.

Wer weiß schon, warum man manche Dinge tut? Vielleicht erstand ich deshalb viele Jahre später ein Paar ganz besonders reizende Kindermokassins für meine fünfjährige Tochter, die sie aber so entsetzlich fand, dass sie sie kein einziges Mal trug. Der Streit um diese Mokassins wurde zum Synonym für unsere Unterschiedlichkeit. Wieder Jahre später fand ich dann in einem Wildwest-Laden in Colorado endlich meine Mokassins, gefütterte, riesige Stiefel. Sie waren wild überteuert, aber der Verkäufer gab mir als Zugabe ein digitales Zuckerl: Auf YouTube kann ich einer älteren indianischen Dame mit Türkisohrringen in Oregon dabei zusehen, wie sie ebendiese, meine Mokassins näht. Stumm und mit einem leichten Lächeln auf den Lippen sitzt sie in einem mit bunten Decken behängten Sessel und näht Stich für Stich, unendlich langsam meine Stiefel: ein wunderbares Programm, das ich in schlaflosen, kalten Nächten mit den Stiefeln an meinen Füßen betrachte. Zuverlässig näht sie mich in den Schlaf, und meine Füße werden dabei immer wärmer. Schritt für Schritt stapfe, schleiche, pirsche ich lautlos durch die Erinnerungen an mein früheres Leben als Ntschotschi, an Winnetous fehlenden Fuß und meine Sehnsucht nach einem Leben in der Prärie.