"Sie wissen alles über uns!" An solche Sprüche haben wir uns gewöhnt. Und wir bemerken die Anzeichen: Wenn die Werbung für ein Produkt uns durch das Internet verfolgt, selbst wenn wir die Ware schon gekauft haben. Wenn auf Googles Stadtplan Restaurants hervorgehoben werden, in denen wir vor Monaten gegessen haben und von denen wir Google nichts erzählt haben. Wenn Amazon uns sagt, was wir kaufen oder lesen sollten, weil es glaubt, unseren Geschmack zu kennen.

Das Geschäftsmodell der Online-Händler bedient sich äußerlicher Aspekte einer Person – was ich kaufe, welche Orte ich besuche. Ich nehme es achselzuckend hin, auf Schritt und Tritt von den digitalen Diensten verfolgt zu werden. In mich hineingucken aber können die ungebetenen Helfer zum Glück nicht. Die Gedanken sind frei. Meine Gefühle und Stimmungen gehören immer noch mir selbst, bleiben vor anderen verborgen. Oder doch nicht?

Unser Denken ist längst sichtbar. Es ist durchaus möglich, aus den digitalen Spuren, die wir hinterlassen, Rückschlüsse auf unser Wesen zu ziehen. Dabei geht es nicht um peinliche Partyfotos, die wir leichtsinnig auf Facebook gepostet haben, oder um einen Kommentar, mit dem wir jemandem einmal richtig die Meinung sagen wollten.

Selbst wer sich bemüht, im Netz nichts über sich zu verraten, gibt jede Menge Informationen preis. Die daraus abgeleiteten Psycho-Analysen können nicht nur dazu benutzt werden, uns noch passendere Werbung zu präsentieren. Sie beeinflussen auch unsere Chancen, einen Kredit zu bekommen oder zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Sie sollen dabei helfen, radikale Wichtigtuer von Terroristen zu unterscheiden. Und sie vermögen sogar, behaupten ihre Macher, potenzielle Selbstmörder online zu identifizieren und ihnen Hilfe anzubieten.

Doch was taugen die Versprechen? Können die Algorithmen mir tatsächlich in die Seele schauen? Wie treffsicher sind die Analysen? Ich habe in den vergangenen Monaten dazu nicht nur recherchiert, ich habe mich auch selbst psychologisch durchleuchten lassen. Ich habe Fragebögen ausgefüllt, meine Facebook-Likes zur Verfügung gestellt, meine Äußerungen auf Twitter auswerten und meine Stimme analysieren lassen.

Nun weiß ich nicht, wovor ich mich mehr fürchten muss: dass ich online mein Innerstes preisgebe – oder dass Fremde aus meinen Daten absurd falsche Schlüsse über meine Persönlichkeit ziehen.

Mein erster Ansprechpartner heißt Michal Kosinski. Der jugendlich anmutende, aus Polen stammende Psychologe forscht an der Stanford-Universität und hat im vergangenen Jahr eine rasante internationale Medienkarriere gemacht. Seine Forschungsergebnisse veröffentlicht Kosinski in seriösen wissenschaftlichen Zeitschriften, und dabei bedient er sich einer nüchternen Sprache. Im Gespräch mit Journalisten wird er gern blumiger. Dann kommen Schlagzeilen zustande wie: "Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt". Mit dieser Zeile überschrieb das Schweizer Magazin einen Text, der behauptete, eine britische Firma habe mithilfe von Facebook und Kosinskis Algorithmen Donald Trump zum Sieg verholfen (die Behauptung erwies sich als Ente).

Michal Kosinski ist davon überzeugt, dass wir in einem postprivaten Zeitalter leben. Er vergleicht die neuen Analyseverfahren mit Wirbelstürmen: "Ich stimme völlig mit Ihnen überein, dass Hurrikane nicht passieren sollten. Aber es ist müßig, dagegen zu sein. Reden wir lieber darüber, wie wir uns auf den Hurrikan der Algorithmen vorbereiten, die uns unserer Privatheit berauben."

Kosinskis Fachgebiet ist die Psychometrie. Die Disziplin ist nicht neu, es geht darum, verborgene Eigenschaften eines Menschen mit Testverfahren zu messen und in Zahlen auszudrücken. Wir testen die Befähigung von jungen Menschen zum Studium in der Abiturprüfung, deren Resultat eine Zahl ist. Wir messen die Intelligenz mit Tests, die zu einem Wert namens IQ führen. "Der IQ drückt nicht aus, wie wertvoll Sie als Mensch sind", sagt Kosinski. "Er kann bei manchen Berufen aber sehr gut die zu erwartende Leistung voraussagen."

Vor ein paar Jahren, als er noch im britischen Cambridge forschte, hatte Michal Kosinski eine revolutionäre Idee. Das digitale Zeitalter würde herkömmliche Tests weitgehend überflüssig machen, wenn man zeigen könnte, dass sich die Persönlichkeitsinformationen besser aus jenen Daten herauslesen lassen, die wir ohnehin produzieren. Aus dem, was wir schreiben, aus unseren Porträtfotos, aus den "Likes" bei Facebook – also anhand der Seiten und Personen, deren Freunde oder Fans wir sind und deren Nachrichten wir verfolgen.

Kosinski machte ein Experiment: Er benutzte einen unter Psychologen weit verbreiteten Persönlichkeitstest, der Menschen anhand der folgenden fünf Persönlichkeitsdimensionen beschreibt: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Die englischen Anfangsbuchstaben dieser Begriffe bilden das Wort Ocean. Nach dem Ocean-Modell lässt sich jeder Mensch demnach mit fünf Zahlen beschreiben, die jeweils einen Wert zwischen 0 und 100 annehmen können.

Kosinski ließ Hunderttausende Facebook-Nutzer einen Psychotest mit 100 Fragen online ausfüllen und ermittelte ihr Ocean-Profil. Dann wurden die Probanden gefragt, ob sie bereit wären, den Forschern Zugriff auf ihre Profildaten bei Facebook zu geben, unter anderem auf alle ihre Likes. Die Hälfte stimmte zu.

Diese Nutzer waren nötig, um das von Kosinski erdachte Verfahren zu eichen. Er wollte Korrelationen finden zwischen der Psyche dieser Menschen, unter anderem ihren Ocean-Werten, und ihren Likes bei Facebook. Er ließ einen üblichen Big-Data-Algorithmus auf die Daten los, der nach Zusammenhängen sucht. So könnte es der Fall sein, dass unter den Menschen, die die ZEIT mögen, der Anteil an Introvertierten geringfügig größer ist als in der Gesamtbevölkerung. Das bedeutet dann nicht: Wer auf Facebook der ZEIT folgt, ist schüchtern. Die Information neigt die Waage nur eine Winzigkeit in die eine Richtung. Doch mit jedem Like, so lautet die These, wird die Aussage präziser, bis ein scharfes Bild der Persönlichkeit entsteht.