Das Drehbuch war bereits geschrieben: Noch vor Weihnachten wollten Emmanuel Macron und Angela Merkel erläutern, wie sie Europa gemeinsam voranzubringen gedenken. Seit Monaten wird in einer deutsch-französischen Arbeitsgruppe an den Details des Plans gefeilt, der dem Kontinent nach Griechenlandkrise und Brexittrauma zu einer Renaissance verhelfen sollte.

Daraus dürfte aber vorerst nichts werden, denn ausgerechnet die vermeintliche Stabilitätsinsel Deutschland wird nun zum Problemfall. Wenn die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union an diesem Donnerstag in der estnischen Hauptstadt Tallinn zusammenkommen, geht es deshalb nicht wie vorgesehen um ambitionierte Zukunftsentwürfe – sondern um Schadensbegrenzung nach der Wahlschlappe für die Kanzlerin.

Dabei lief in diesem Jahr eigentlich bislang alles nach Plan: Erst erlitten die niederländischen Rechtspopulisten bei den Parlamentswahlen eine herbe Niederlage, dann gewann Macron die französischen Präsidentschaftswahlen, und seit ein paar Monaten geht es auch ökonomisch bergauf. Alle Mitgliedsländer der EU haben die Rezession überwunden. Selbst die griechische Wirtschaft ist zuletzt wieder kräftig gewachsen.

Wie sehr man in Brüssel von dem Wahlergebnis in Deutschland überrascht wurde, zeigt sich auch daran, dass Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker die Währungskrise wenige Tage vor der Wahl offiziell für beendet erklärte und den Rahmen für eine Erneuerung der Union absteckte. Wie die meisten europäischen Politiker hat er darauf gesetzt, dass Merkel erneut mit den Sozialdemokraten paktieren werde, die beim Thema Europa zu allem bereit sind.

Nun aber wächst in Paris, in Rom und in Madrid die Sorge, dass die größte Volkswirtschaft des Kontinents in den kommenden vier Jahren vor allem mit sich selbst beschäftigt sein wird – und es einer geschwächten Angela Merkel nicht gelingt, den Deutschen zu vermitteln, was vor allem im Süden des Kontinents allgemeiner Konsens ist: dass es sich rechnet, mehr Geld für Europa auszugeben.

Wie groß diese Sorge ist, lässt sich an den ersten Stellungnahmen zum Wahlausgang ablesen. Der italienische Regierungschef Paolo Gentiloni zeigte sich zwar zuversichtlich, dass Merkel zur "europäischen Integration an der Seite Frankreichs und Italiens" stehe, räumte aber zugleich ein, er könne verstehen, dass nun in Deutschland "Schwierigkeiten und Bedenken" aufgekommen seien.

Vor allem an der Person Wolfgang Schäubles zeigt sich, was nach dieser Wahl europapolitisch alles in Bewegung geraten ist. Seit er vor zwei Jahren drohte, Griechenland den Euro wegzunehmen, gilt Schäuble in weiten Teilen Südeuropas als Unperson. Nun warnen ausgerechnet italienische Ökonomen davor, dass er sein Amt verlieren könne – weil sie fürchten, dass die FDP dann den nächsten Bundesfinanzminister stellt.

Denn so sehr man im Süden Schäubles Sparpolitik kritisiert, so sehr schätzt man, dass er sich am Ende meist auf Kompromisse einlässt. Er hielt sich zurück, als Portugal und Spanien gegen die europäischen Schuldenregeln verstießen. Und er griff nicht ein, als die Regierung in Rom beschloss, die maroden Banken des Landes mit Steuergeldern zu sanieren, obwohl das ebenfalls nicht den EU-Vorschriften entspricht.