Am Abend, als das Land ein anderes wird, steht das Staatsoberhaupt am Herd und ringt mit der Verpackung seiner Tiefkühlkost. Frank-Walter Steinmeier hat die Handvoll Vertraute, die mit ihm die Wahlsendungen im Wohnzimmer seines Privathauses in Berlin-Zehlendorf verfolgen, für einen Augenblick alleine gelassen. Die Steinmeiers führen keine Ehe, in der die Frau, eine Richterin, sich ums Abendessen kümmern müsste, während der Mann im Fernsehsessel sitzt und mit den anderen Männern der Runde fachsimpelt. Steinmeier legt selbst Hand an, zieht mit First Lady Elke Büdenbender "Flammkuchen Elsässer Art" aus dem Pappkarton, kämpft mit der Plastefolie – und mit den neuen Realitäten in dem Land, dessen Bundespräsident er seit Kurzem ist. Die Rechte im Reichstag, ein Land im Schock, die Volksparteien abgestraft wie nie seit 1949 – das kann doch jetzt alles nicht wahr sein!

Der Abend hat kaum begonnen, da ist der Präsident last Sozi standing

Dabei hat der Abend gar nicht so schlecht begonnen. Ein behaglicher Hauch von sozialdemokratischer Verschworenheit liegt über der Runde auf Sofa und Sesseln. Männer, die nicht dröhnen, und Frauen, die nicht stumm das Geschirr raustragen. Auf dem Sofa, den ganzen Abend über, liegt das Neugeborene einer Mitarbeiterin und verschläft auf der Babydecke alle Unbill des Abends.

Einen Flair von WG hat die Szenerie, ein wenig wie 1998, als Gerhard Schröder rot-grüner Kanzler wurde und Steinmeiers Aufstieg begann. Bloß Helmut Kohl ließ sich damals Zeit mit dem Auszug aus dem Kanzlerbungalow, und so wohnten Schröder, Steinmeier und ein paar Kumpels aus Niedersachsen erst mal in Bonn unter einem Dach. Die Bundesregierung als gehobene Wohngemeinschaft.

Fünf Wahlzyklen ist das jetzt her – heute Abend ist die SPD bei 20,5 Prozent gelandet. Ende, aus, raus aus der Regierung. Der Abend hat kaum begonnen, da ist Steinmeier der letzte deutsche Sozialdemokrat in einem Staatsamt auf Bundesebene. Last Sozi standing. Selbst für den Schock bleibt kaum Zeit. Es geht alles ein wenig zu schnell.

"Der Toni wird Verteidigungsminister!", ruft einer mit Blick auf den Fernseher, als der Vorsprung für Jamaika deutlich wird und Anton Hofreiter, der langhaarige grüne Fraktionschef, vor eine Kamera tritt. Fragt ein anderer: "Hat er sich deshalb die Haare geschnitten?"

Am Anfang des Abends prägt noch Galgenhumor die Runde, doch längst steht mehr Galgen im Raum als Humor. Und der Präsident tigert durch die Küche und sucht einen Ausweg aus dem Labyrinth der Floskeln.

"Zäsur", der Begriff fiel früh in der Runde rings um den niedrigen Sofatisch, auf dem neben Wasser und Kaffee auch drei Rotweinflaschen parat stehen, ungeöffnet vorerst. "Zäsur", das klingt doch gut, drastisch, aber nicht dramatisch – ein Steinmeier-Wort sozusagen. "Zäsur geht nicht mehr", ruft ein Mitarbeiter mit Blick auf sein Smartphone: "ZfD – Zäsur für Deutschland, das macht Spiegel Online gerade."

In der Küche werden nun stärkere Vokabeln getestet, halb laut ausgesprochen, wie um ihren Klang zu prüfen, ihre Eignung abzuklopfen: Irgendwas mit der "politischen Statik des Landes" vielleicht? Der Gastgeber sucht sich einen Begriff von den neuen Verhältnissen zu machen, denn Begriffe, Konzepte sind das, was Steinmeier erfolgreich gemacht hat. Ein Meister von "Roadmaps" und "Frameworks" war er als Merkels Außenminister, "Agenda 2010!" sein Kampfruf als Schröders Vertrauter. Konzepte geben Sicherheit in einer unsicheren Welt, Konzepte portionieren die unkalkulierbare Zukunft für eine Politikerwelt, die schlecht mit Unkalkulierbarkeit umgehen kann.

"Tektonische Verschiebung", das könnte es sein, darin steckt eine Urgewalt, derer es Herr zu werden gilt: Das ist nicht mehr nur drastisch, das ist bereits dramatisch – und doch nicht alarmistisch. Tektonische Verschiebung also.

Als die ersten Flammkuchen auf den Kaffeetisch kommen, in dreieckigen Stücken, manche Zwiebeln ein wenig schwarz, läuft im Ersten das Tagesthemen Extra . Und Ingo Zamperoni spricht gerade von "tektonischen Verschiebungen der Parteienlandschaft".

Vielleicht ist das der Moment, in dem der Abend seinen entscheidenden Riss bekommt. Gehen der Politik die Wörter aus, weicht auch die Kraft aus ihr. Und wer der Krise keine Konzepte mehr entgegensetzen kann, den droht sie zu überwältigen.

Steinmeiers Dilemma

Die Erschütterung der Republik trifft an diesem 24. September auf die Krise ihres Oberhaupts. Hier, unter seinen Vertrauten, würde es keiner so nennen. Doch nach knapp zweihundert Tagen im Schloss steckt der Bundespräsident im Bellevue-Blues. Was er zu seiner Hundert-Tage-Bilanz Anfang des Sommers zu lesen bekam, kann ihm nicht gefallen haben: Er ist "Deutschlands Nummer eins", schrieb der Spiegel, "aber davon merkt man bisher nicht viel."

Steinmeier ist nicht der erste Präsident, der damit klarkommen muss, dass die Verfassung das höchste Amt im Staate mit den geringsten Mitteln an Macht ausgestattet hat: Das ist der Fluch von Schloss Bellevue. Erfolgreich wird ein Präsident bloß, wenn er ein Thema findet, in dem sich die Lage im Land und seine persönlichen Möglichkeiten schneiden. Bis zum 24. September 18 Uhr war Frank-Walter Steinmeier ein Mann mit Amt, aber ohne Aufgabe.

Seit Stunden nun rollt eine Welle der Wut herein – und plötzlich könnte das Land einen Präsidenten ganz gut gebrauchen. Einen, der der Politik sagt: Wenn draußen alles anders ist, kann nicht drinnen alles gleich bleiben. Aber kann Steinmeier das, ausgerechnet er, der immerwährende Insider?

In der Stunde, nachdem ihm Ingo Zamperoni das Wort aus dem Mund genommen hat, wirkt der Präsident verloren, während die Bilder zum Fernseher hereinschwappen. Als überkomme ihn eine Ahnung: Was er gelernt hat, trägt nicht mehr – und weit und breit kein Schröder, keine Merkel, die wüssten oder sagten, wohin auf offener See. Der Präsident ist jetzt allein, mit sich und seinem Land. Und vielleicht ist das ja das Beste, was ihm passieren konnte: zum ersten Mal sein eigener Herr.

Kein Situation Room, kein Krisenstab, keine klingelnden Telefone umgeben ihn in diesem Kippmoment. Steinmeiers Kommandozentrale – sein Kaffeetisch. Draußen im Garten ist die Dunkelheit hereingebrochen, doch keiner der Anwesenden steht auf, um einen Lichtschalter zu drücken. Der Präsident wirkt abwesend. Und so leuchtet allein das Tischtuch im Schein des Fernsehers.

Einmal, als besonders drastische AfD-Statistiken über den Bildschirm laufen, hebt Elke Büdenbender wie im Schreck für einen Augenblick die Hand an den Mund – und lässt an Hillary Clinton auf dem berühmten Foto aus Barack Obamas Lagezentrum im Weißen Haus denken, als die versammelte US-Regierung das Sterben von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden verfolgte.

Der Flachbildschirm ist nicht länger das Fenster zur Welt – die Welt drückt jetzt mit Macht gegen die Scheibe. Und weil es draußen die Selbstverständlichkeiten gleich in Serie zerkrümelt, wirkt das Selbstverständliche hier drinnen plötzlich besonders zerbrechlich.

Steinmeiers Dilemma: Wer wäre mehr Establishment als er?

Irgendwann steht Steinmeier hinter dem Stuhl seiner Frau, er stützt sich auf die Rückenlehne. Dann geht er in Richtung Tür und greift nach einer dieser seltsamen Lampen, deren Licht bei Berührung angeht. Es wird hell. Der Abend ist bald zu Ende.

Am Morgen des übernächsten Tages sitzt der Bundespräsident an einem Frühstückstisch in Schloss Bellevue. Die Salamischeiben sind mit Kresseblättchen dekoriert, wie mit einer Pinzette gezupft. Die Joghurtgläser tragen Bundesadler, die Servietten auch.

Den entscheidenden Moment im Land erkennen – und benennen, vielleicht ist das der Mut der ersten Tat. Er sagt: "Tabubrüche dürfen sich nicht auszahlen: Wer für jede neue Provokation eine neue Einladung in eine Talkshow erhält, fühlt sich zum Provozieren ermuntert." Und dann: "Der Kampf gegen das Establishment hat ganz offenkundig Einzug in die Politik gehalten."

Es ist Steinmeiers stärkster Satz zur neuen Lage – und er offenbart sein ganz persönliches Dilemma: Wer wäre mehr Establishment als er? Das macht ihn einzigartig qualifiziert – und einzigartig verstrickt.

Steinmeiers Kampf mit seinem Amt hat gerade erst begonnen.