DIE ZEIT: Herr Kopitzsch, ist Hamburg überhaupt eine Stadt? Oder nicht vielmehr ein Konsortium, ein Zusammenschluss von Unternehmen?

Franklin Kopitzsch: Ein Konsortium nicht, eher ein Marktplatz! Das taucht früh auf in den Berichten über Hamburg: das "Commercium", der Kommerz, als Seele der Stadt. "Haupt-Emporion" wird Hamburg genannt, der größte Marktplatz des Reiches, später ist es nach London und Amsterdam der größte Hafen Europas und noch später hinter London und New York der größte Hafen der Welt.

ZEIT: Eine Stadt, die den Kaufleuten gehört?

Kopitzsch: Ein freier Handelsplatz. Obwohl die Stadt die Burg im Namen und im Wappen führt, war sie nie eine Residenz wie München, Berlin oder Dresden, sondern selbstverwaltet.

ZEIT: Die Rote Flora des Reiches?

Kopitzsch: Eine Freie Stadt, die lange Zeit de facto von den Kaufleuten regiert wurde. Denken Sie an die Commerz-Deputation, 1665 gegründet, die Vorgängerin der Handelskammer. Eine der wichtigsten Institutionen der Stadt. Bis heute.

ZEIT: SPQH steht im Rathaus zu lesen: Senatus Populusque Hamburgensis. Das sind die berühmten Initialen des republikanischen Rom, nur eben H statt R für Romanus. Hamburg verstand sich früh schon als Republik?

Kopitzsch: Man sah sich im Kreis der großen Stadtrepubliken der Hanse und Italiens, Genua und Venedig. Aber auch Deutschlands größte Metropole im Mittelalter, Köln, gehört dazu und die machtvollen süddeutschen Handelsstädte wie Nürnberg und Augsburg. Der Senat erkannte zwar den Kaiser an, zumal der weit weg in Wien saß, sah sich aber ansonsten unmittelbar zu Gott. Er hat ja bis heute, wenn er im Senatsgehege tagt, nur den Himmel über sich.

ZEIT: Dafür, dass Hamburg sich seit dem Mittelalter als Republik verstand, hat es mit der Demokratie hier aber ganz schön lange gedauert!

Kopitzsch: In der Tat. Von der ersten städtischen Verfassung, die mit der Reformation eingeführt wurde und erste Mitspracherechte der Bürger brachte, über die Kämpfe des 17. und 19. Jahrhunderts bis zur Weimarer Republik ging es immer wieder vor und zurück.

ZEIT: Was war die Hamburger Republik bis zum 19./20. Jahrhundert? Eine Oligarchie?

Kopitzsch: Nein. Es gab zwar die dominanten Familien. Um 1.700 waren es tausend, vielleicht zweitausend Bürger, die Hamburg in den Händen hielten, bei damals etwa 75.000 Einwohnern insgesamt. Und noch 1880, da lag die Einwohnerzahl bei etwa einer halben Million, hatten gerade mal 30.000 Hamburger aufgrund ihres Vermögens das volle Bürgerrecht. Aber das soziale Gefüge blieb relativ offen. Immer wieder stiegen neue Familien auf, zugewandert oder aus dem Kreis der Juristen, auch aus dem Handwerkerstand. Einige große Namen verschwanden wieder. Es gab Konkurse, Untergänge. Hamburg hatte die erste Börse Deutschlands, seit 1558. Sie können sich vorstellen, wie es da an den diversen schwarzen Freitagen zuging!

ZEIT: Dennoch wurde die Stadt gleichsam im Geheimen regiert. Es gab kein Parlament, das kontrollierte?

Kopitzsch: Das war wie überall in Europa ein langer Prozess. Am 14. Juli 1790 feierte die politische Avantgarde der Stadt auf Einladung des Kaufmanns Georg Heinrich Sieveking den ersten Jahrestag des Bastillesturms. Das ist lange vor dem berühmten Hambacher Fest die erste politische Bürgerkundgebung in Deutschland und ein Bekenntnis zu Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Aber erst mehr als ein halbes Jahrhundert später modernisiert die Stadt ihre Verfassung. Und das allgemeine, freie und gleiche Wahlrecht für Frauen und Männer und die Bürgerschaft als oberste Legislative gibt es sogar erst seit 1918/19.