Der Laptop, auf den sie starrt, mit Hoffnung und mit Furcht, steht auf Helga Meiers* Esstisch. "Also gut", sagt sie. "Zeigen Sie es mir." Die 54-Jährige hat sich mit ihrem Stuhl weit weg vom Bildschirm gesetzt. "Einen Moment noch", sagt ihr Lebensgefährte und schließt die Tür zum Balkon. Nur noch gedämpft dringt das Glockengeläut der Stiftskirche St. Martin in die Wohnung im dritten Stock. Ein Mehrfamilienhaus in Landshut, nordöstlich von München. Fast der gesamte Bildschirm wird vom Schwarz einer Burka ausgefüllt.

Eine junge Frau. Nur ihre Augen sind zu sehen. Die Augen sind aufgerissen. "Ich heiße Nadja", sagt die Frau in dem Video. "Es ist sehr schlimm hier. Ich möchte so schnell wie möglich zurück nach Deutschland."

"Das ist sie", sagt Helga Meier und beginnt zu weinen.

Für eine Minute und 39 Sekunden spricht ihre Tochter auf der Videoaufnahme, dann friert sie zu einem Standbild ein. In Nadjas schwarzem Schoß liegt ein Säugling, der Enkelsohn von Helga Meier, den sie noch nie gesehen hat. Schon so lange ist sie ohne Nachricht von ihrer Tochter. Vor drei Jahren verließ Nadja die Bundesrepublik, um sich in Syrien dem Kampf des "Islamischen Staates" anzuschließen. Vor einem Jahr erfuhr Helga Meier, Nadja habe einen deutschen IS-Kämpfer geheiratet und zwei Kinder von ihm bekommen. Das war das Letzte, was sie in Landshut von ihr hörte, bis zu diesem Moment.

Durch einen Zufall haben wir, Reporter der ZEIT, die Tochter von Helga Meier in einem Internierungslager in Syrien gefunden. In einer stickigen Zelle mit anderen Frauen, die sich einst dem IS angeschlossen hatten. Kindergeschrei erfüllt den engen Raum. Der Gestank von Fäkalien.

Die Frauen stammen aus Tunesien, Syrien, Frankreich, Russland und Deutschland. Für sie alle ist diese Zelle das vorläufige Ende ihres Traumes, der für die Welt ein Albtraum war.

Aus vielen Ländern kamen sie hierher, um einen Gottesstaat aufzubauen, das Kalifat des Propheten. Doch nun scheint dieser Gottesstaat kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen. Rakka, die Hauptstadt des "Islamischen Staates", ist von einer Koalition aus arabischen und kurdischen Milizen eingeschlossen, die jeden Tag weiter vorrücken.

Diese Reportage ist der Versuch einer Erkundung. Eine Fahrt in das umkämpfte Rakka. Eine Sichtung der Trümmer. Welche Spuren hat der Wahnsinn des IS in den Menschen hinterlassen? Wie hat er das Land verändert? Und was kommt mit dem Kriegsende auf Deutschland zu? 600 deutsche Staatsbürger, die sich dem IS angeschlossen und die bisherigen Kämpfe überlebt haben, schätzen die Geheimdienste, stehen im Irak und in Syrien kurz vor der Festnahme.

Nadja Ramadan, 31, Tochter einer Deutschen und eines Libanesen, mit ihren beiden Söhnen in einem Flüchtlingslager in Nordsyrien © Andy Spyra für DIE ZEIT

320 Kilometer liegen zwischen der türkischen Grenze, wo unsere Fahrt beginnt, und der Hauptstadt des IS. Die Straße ist eine Achse der Zerstörung. Wir müssen große Umwege nehmen, weil die meisten Brücken während der Kämpfe gesprengt wurden. Dorf um Dorf haben kurdische Milizen dem IS in den vergangenen zwei Jahren abgerungen. Fast jedes Haus am Wegrand ist ausgebrannt oder durch Bomben und Granaten beschädigt. Hohe Erdwälle und metertiefe Gräben durchziehen die Felder. Unser Übersetzer ist nervös, unser Fahrer auch, er fährt zu schnell. Es ist Anfang September, das Ende eines Sommers mit Temperaturen von bis zu 48 Grad.

In einem weißen Hyundai-Minibus fahren wir durch ein Land, das noch keinen Namen hat, das nicht mehr Syrien heißt und noch nicht Rodschawa, wie von manchen Kurden angestrebt. Ein Land, das in dem Maße größer wird, wie das Reich des "Islamischen Staates" kleiner wird. Mittlerweile erstreckt es sich von der türkischen Grenze im Norden bis zum Euphrattal im Süden, von der irakischen Grenze fast bis nach Aleppo.

Der Krieg in Syrien, der nun seit mehr als sechs Jahren andauert, hat viele Metamorphosen durchlaufen. Was im März 2011 als Massenprotest gegen das Assad-Regime begann, wurde im August 2011 zum bewaffneten Aufstand und wuchs sich Anfang 2012 zum Bürgerkrieg aus, in dem Sunniten gegen Schiiten kämpften und gemäßigte Rebellen gegen radikale und Kurden gegen alle. Nach und nach begannen die Regionalmächte zu intervenieren. Katar, Saudi-Arabien und die Türkei unterstützten Rebellengruppen mit Geld und Waffen, der Iran und irakische Schiiten schickten Truppen für das Regime.