Für eine Jugendgruppe aus Nordrhein-Westfalen hatte das G20-Wochenende noch gar nicht begonnen, da war es schon wieder vorbei. 44 Mitglieder der "Falken", einer sozialistischen Jugendorganisation, wollten an der größten Demonstration gegen den Gipfel teilnehmen, dem Umzug "Grenzenlose Solidarität statt G20". Aber sie kamen nicht weit: Noch auf der Autobahn wurde ihr Bus von einer Polizeieskorte abgefangen und in die Gefangenensammelstelle in Harburg umgeleitet. Dieses Containergefängnis sollten die jungen Menschen, einige noch minderjährig, in den nächsten viereinhalb Stunden nicht mehr verlassen: Sie mussten Leibesvisitationen am nackten Körper über sich ergehen lassen und durften lange nicht einmal einen Anwalt anrufen.

Warum die Gruppe festgehalten wurde? In der Gefangenensammelstelle konnte das keiner der beteiligten Polizisten wirklich begründen. Eine Erklärung wäre auch schwer geworden: Wie sich herausstellte, handelte es sich um eine Verwechslung. Die Polizei hatte schlicht den falschen Bus aus dem Verkehr gezogen. Die Jugendlichen waren unschuldig.

Jetzt hat das Hamburger Verwaltungsgericht das Vorgehen der Beamten als rechtswidrig eingestuft und damit das erste G20-bezogene Urteil gegen die Polizei gefällt. Das ist gut so. Erstens stellt es im Fall der "Falken" Gerechtigkeit her, die Jugendlichen können jetzt auf Schadensersatz gegen die Polizei klagen. Und zweitens zeigt es, dass der Rechtsstaat in beide Richtungen funktioniert: gegen Demonstranten, die Beamte angreifen, genauso wie gegen Polizisten, die das Recht brechen.

Nach G20 kursierten unzählige Videos, die Fälle von Gewalt durch Polizisten belegen sollten. Betroffene berichteten, dass Beamte sie völlig grundlos geschlagen hätten. Längst nicht alle dieser Schilderungen sind korrekt. Oft stellt sich bei genauerer Betrachtung heraus, dass die Situation deutlich komplizierter ist. Auch muss man vorsichtig sein, die Maßstäbe nicht zu verrücken: Die mit Abstand größte Gewalt ging bei G20 von linksradikalen Gruppen aus, nicht von der Polizei. Die Dienststelle Interne Ermittlungen untersucht derzeit gut 100 mögliche Straftaten von Polizisten, demgegenüber stehen etwa 2.000 Ermittlungsverfahren gegen Randalierer.

Der jetzt entschiedene Fall war eindeutig. Das Verwaltungsgericht hat ein sogenanntes Anerkenntnisurteil gesprochen, das heißt: Die Polizei hat ihre Schuld von vornherein eingestanden, Innensenator Andy Grote (SPD) hat sich für das Vorgehen der Beamten entschuldigt. Nach den teilweise sehr harten Urteilen gegen G20-Randalierer entspricht es dem Gerechtigkeitsempfinden vieler, dass auch auf der Seite der Polizei konsequent geurteilt wird.

Der andere Reisebus wurde übrigens nie kontrolliert, seine Insassen fuhren unbehelligt weiter nach Hamburg. Warum die Polizei sie überhaupt aus dem Verkehr ziehen wollte? Weil sie sich teilweise vermummt haben sollen, wie ein Sprecher sagt. Und das geht in Hamburg bekanntlich gar nicht.