Am Beginn von Gerhard Falkners für den Deutschen Buchpreis nominiertem Roman Romeo oder Julia steht eine unerhörte Begebenheit. Der Schriftsteller Kurt Prinzhorn entdeckt in der Wanne seines Innsbrucker Hotelzimmers, in dem er wegen einer Tagung logiert, lange schwarze, in Badeschaum verklebte Haare. Die herbeigerufene Polizei reagiert skeptisch, der Hoteldirektor ungehalten auf Prinzhorns Verdacht, dass sich während seiner Abwesenheit eine Frau Zutritt in seinem Zimmer verschafft habe. Tatsächlich erscheint ein Einbruch fraglich, denn alle Wertgegenstände sind unberührt. Erst nach einer Weile bemerkt der Ich-Erzähler, dass neben Notizbüchern sein stattlicher Schlüsselbund abhandengekommen ist.

Warum er so viele Schlüssel habe, fragt ihn eine Teilnehmerin der Tagung. Prinzhorn macht dieser Frau dermaßen unverhohlene sexuelle Avancen, dass es doch verwunderlich anmutet, wenn er zugleich die Vorstellung einer fremden Frau in seiner Badewanne nicht aufregend, sondern unmittelbar bedrohlich findet. Die eine Hälfte der Schlüssel, erklärt Prinzhorn, brauche er, um sich wegzusperren, die andere, um sich wieder herauszulassen. Was nach einem Witz klingt, verschafft einem tatsächlich Zugang zu dem von Anspielungen und Motiven dicht durchwobenen Roman Falkners, der als Mischung aus spannendem Kriminalstück und launiger Literaturbetriebsfarce daherkommt.

Die Schlüssel bleiben verschwunden, und damit ist Prinzhorn ein gewichtiger Teil der Kontrolle entglitten. Jemand Unbefugtes kann nun aufsperren, und etwas in ihm Verschlossenes bekommt freien Lauf. Was bei einem Dichter naturgemäß heißt: die Imagination. Oder die Paranoia? Während also Prinzhorn sich in Innsbruck und in den folgenden Wochen in Moskau und Madrid, wohin ihn weitere Literaturbetriebseinladungen verschlagen, von einer Stalkerin verfolgt glaubt, verknüpfen sich Beobachtungen, Erinnerungen und literarische Verweise zu einem immer engeren Netz. Es stellt sich zum Beispiel heraus, dass lange schwarze Haare für Prinzhorn schon vor dem Badewannen-Vorfall bedeutsam waren, allerdings positiv erotisch konnotiert: Nach den leidenschaftlichen Nächten mit der wesentlich jüngeren Jana Blanchefleur fand er deren schwarze Haare selbst an entlegenen Stellen seiner Wohnung.

Ein anderes Motiv: das Gewitter. Der Vater von Jana wurde vom Blitz erschlagen, Prinzhorn selbst hatte vor Jahren – wie sich ihm plötzlich wieder ins Bewusstsein drängt – eine heftige Begegnung, während am Himmel die Blitze zuckten. Und tobt nicht auch ein Gewitter, während Werther mit Lotte einen Ball besucht? Beinahe zu viel der Symbolik, dass Prinzhorn immer wieder Kleidungskombinationen in Blau und Gelb entdeckt. Der Zusammenhang von Liebe und Tod ist längst geschlossen – eben nicht als etwas Verbindendes, sondern als ein Dualismus: Überleben kann nur Romeo oder Julia.

Die Wirklichkeit wird verdichtet, und das umso panischer, je näher das unvermeidliche Finale rückt, das Prinzhorn freilich ebenfalls aus der Literatur ableitet. Von Tschechow stamme die Regel, dass eine Pistole, die im ersten Akt auftauche, spätestens im dritten abgefeuert werden müsse.

Angesichts der kriminalistischen Seite von Gerhard Falkners Romeo oder Julia verbietet es sich, zu verraten, ob Prinzhorn tatsächlich von einer Frau verfolgt wird, die von ihm besessen ist und ihn vielleicht ermorden will. Entscheidend ist ohnehin etwas anderes. Natürlich ist es kein Zufall – wie überhaupt der Lyriker Falkner nichts dem Zufall überlässt –, dass Prinzhorn Gedichte von Anne Sexton im Gepäck hat, jener psychisch labilen Vertreterin der Confessional Poetry, sich aber scheut, das Buch aufzuschlagen. Auch Prinzhorn nähert sich, seiner Sicherheitsmechanismen beraubt, einem Bekenntnis an, das ihn erschüttert, obgleich es sich womöglich nur aus seiner Angst vor den eigenen Abgründen speist. Der Leser ist diesem Roman derweil verfallen, ohne dass es dafür Haare bräuchte.

Gerhard Falkner: Romeo oder Julia
Berlin Verlag, Berlin 2017; 272 S., 22,– €