Der Autor Hans Weinhengst (1904–1945) © ÖNB

Es ist nicht überliefert, ob Hans Weinhengst über Heinrich von Kleist Bescheid wusste. Doch der Schluss seines Romans Turmstraße 4 erinnert an den Doppelselbstmord des preußischen Dramatikers, der gemeinsam mit seiner suizidwilligen Partnerin seinem Leben ein Ende setzte. Auch in dem Roman von Hans Weinhengst gibt es am Schluss ein totes Paar. Doch während Kleist von der Schusswaffe Gebrauch machte, dreht Karl, der desillusionierte Antiheld aus Turmstraße 4, den Gashahn auf, um mit seiner Geliebten Martha dem Elend der Arbeitslosigkeit zu entfliehen, die alle Lebensumstände und menschlichen Beziehungen zerstört hat.

Der einzige Roman des Wiener Arbeiterschriftstellers Hans Weinhengst, erstmals im Jahr 1934 im Budapester Verlag Literatura Monda erschienen, ist in der Kunstsprache Esperanto geschrieben und geriet rasch in Vergessenheit. Nach über 80 Jahren veröffentlicht nun der kleine Wiener Verlag Edition Atelier dieses Fundstück aus dem proletarischen Milieu in deutscher Übersetzung.

Schon bei seinem Erscheinen war die Wirkung des Romans aufgrund der ausgefallenen Sprache stark eingeschränkt. Zwar wurde die lakonisch erzählte und unsentimentale Sozialstudie über eine unmögliche Liebe in Zeiten wirtschaftlicher Verelendung in Esperantisten-Zirkeln wohlwollend aufgenommen, doch das breite Publikum, das sozialkritischen Kolportageschriftstellern wie Hugo Bettauer oder Alfons Petzold hohe Auflagen bescherte, nahm von dem Buch kaum Notiz. Dazu kam, dass der Zeitpunkt denkbar ungünstig war: Das Regime von Engelbert Dollfuß hatte die Arbeiterorganisationen verboten – es fehlte der gesellschaftliche Resonanzraum für einen proletarischen Roman.

Nun gibt der Buchhändler Kurt Lhotzky, früher linker politischer Aktivist, dem Werk eine zweite Chance. Er fand einen Übersetzer, den in der Österreichischen Nationalbibliothek für Plansprachen zuständigen Bibliothekar Christian Cimpa, und einen Verlag. "Mir hat imponiert, dass Turstrata 4, wie das Buch auf Esperanto heißt, nicht in die Falle der Agitprop-Literatur tappt", sagt Lhotzky. "Weinhengst verzichtet auf ein künstliches Happy End, bei dem am Schluss alle unter der roten Fahne für die Weltrevolution kämpfen, und zeigt die fatalen Konsequenzen eines Lebens ohne Hoffnung und Perspektive."

Die Verwendung der Kunstsprache Esperanto, die von dem polnischen Augenarzt Ludwig Zamenhof im Jahr 1887 erdacht worden war und als Kommunikationsmittel sowie literarisches Ausdrucksmedium in der internationalen Arbeiterbewegung diente, wirkt aus heutiger Sicht exotisch. In den zwanziger und dreißiger Jahren sie das völlig anders gewesen, sagt Lhotzky. Die im Ursprung bürgerliche Esperanto-Bewegung habe sehr schnell auch in der linken Arbeiterschaft Fuß gefasst: "Gerade die sozialistischen oder kommunistischen Arbeiter wollten über Sprachgrenzen hinweg kommunizieren. Viele sind in der Zeit der wirtschaftlichen Krise international auf Walz gegangen oder haben im Ausland Arbeit gesucht. Und da war es natürlich unabdingbar, dass man sich verbal austauschen konnte."

Bald wurden in vielen Ländern Arbeiter-Esperantistenvereine gegründet, auch in Österreich. Der bedeutendste, dem auch der spätere sozialdemokratische Bundespräsident Franz Jonas angehörte, hieß Austria Laborista Ligo Esperantista und brachte die Zeitschrift El Socialisto heraus, die im Idiom der Lingvo Internacia den Klassenkampf propagierte.

Hans Weinhengst, geboren 1904 im niederösterreichischen Kuffern, trat im Jahr 1927 der Grupo Viena 10, der Favoritner Sektion der Arbeiteresperantisten, bei. Eigentlich war er nur gekommen, um mit den Mitgliedern zu streiten, weil er an den Entwicklungsmöglichkeiten einer Plansprache zweifelte. Doch bald war er so beeindruckt vom Ernst und der Energie, welche die Esperantisten an den Tag legten, dass er zu einem der eifrigsten Propagandisten der Sprache und ihrer politischen Perspektiven wurde. Weinhengst, über dessen Lebensumstände nur wenig bekannt ist, entfaltete sofort eine umfangreiche publizistische Tätigkeit. Er übersetzte Arbeiterlieder, schrieb Gedichte und Sprechchöre, die damals in der linken Szene sehr beliebt waren, und verfasste Polemiken – auch gegen die bürgerlichen Esperanto-Anhänger der Austria Esperanto-Asocio, die von einem Hofrat Hugo Steiner geleitet wurde. In dem literarischen Eifer des Arbeiterdichters schlummerte insgeheim der Traum, es könnte der Kunstsprache gelingen, die Proletarier von ihrem Joch zu befreien.

Der aus einfachsten Verhältnissen stammende Hans Weinhengst hatte damals die Wohnadresse Thavonatgasse 4 im Arbeiterbezirk Favoriten. Einem Grätzel, das übel beleumundet war und als Brutstätte von Kriminalität galt. "Ihm war seine Umwelt zu rauh, zu derb, zu laut", sagt Übersetzer Christian Cimpa: "Die Bildungsferne seines Milieus hat ihn wahnsinnig gestört. Er selbst hätte sich gerne als Schöngeist gesehen." Als Autodidakt entwickelte er einen beträchtlichen Bildungshunger.

Nachdem er bereits einige Erzählungen verfasst hatte, wagte sich Weinhengst schließlich an das große Projekt eines Romans, in dem er die eigenen Lebenserfahrungen während der Weltwirtschaftskrise verarbeitete. Die Figuren, allesamt dem Untergang geweiht, blieben holzschnittartig ohne psychologische Vertiefung, der Aufbau ist schlicht, aber mit Gespür für dramatische Effekte. Weinhengst setzte eine Abwärtsspirale in Gang, die ganz undialektisch von Beginn an auf die finale Katastrophe zusteuert.

Das ist keine große Literatur im Sinne der damals aufblühenden Avantgarde, sondern muss im Kontext des "schreibenden Arbeiters" und des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller gesehen werden: Belletristik als Zeitdokument und Aide-Mémoire einer Epoche, die das österreichische Selbstverständnis bis in die Zweite Republik traumatisiert hat. Bald nach dem Erscheinen des Romans Turmstraße 4, der wirkungslos in der Niemandsbucht des autoritären Regimes strandete, zog sich Hans Weinhengst nach und nach zurück. Bis sich seine Spuren in den Wirren des Zweiten Weltkrieges verloren. Eines der wenigen Fotos, die sich von ihm erhalten haben, zeigt ihn 1940 in der Uniform eines Luftschutzwartes in Wien. Erst vor Kurzem wurde in Berlin das Grab entdeckt, in dem Weinhengst 1945 beerdigt wurde. Wie es dazu kam, bleibt ein Rätsel. Sein Gedicht Ni kaj la jaralterno (Wir und der Jahreswechsel) kann als Bilanz einer gescheiterten politischen Illusion gelesen werden: "Das Jahr neigt sich dem Ende zu – / was hat es uns gebracht? / Nur Sorgen, Angst und Elend, wie alle andren auch."

Hans Weinhengst: "Turmstraße 4", Edition Atelier, Wien 2017, 208 Seiten, 22,– Euro