Sehr geehrter Herr Bundesrat Cassis,

am 1. November treten Sie Ihr Amt an. Und es wird zwei Themen geben, bei denen Sie als Außenminister nicht groß auf die Erfahrungen ihrer Vorgänger zurückgreifen können. Es sind die wichtigsten Themen unserer Zeit: der Klimawandel und die Digitalisierung. Sie haben das Potenzial, unsere Welt für immer zu verändern. Der Klimawandel bedroht die natürlichen Grundlagen unseres Lebens. Schon jetzt ist er weltweit der wichtigste Migrationsgrund, und auch wir in der Schweiz nehmen ihn hautnah wahr: Unsere Berge bröckeln, unsere Gletscher schmelzen. Nur ein globales, kooperatives Vorgehen kann uns vor weiteren Katastrophen bewahren.

Die Auswirkungen der Digitalisierung hingegen sind nicht nur negativ. Nie in der Geschichte der Menschheit lag so viel Information offen, gab es so viele Möglichkeiten zur Zusammenarbeit. Aber die Missbrauchsgefahr ist hoch. Wenn Hacker Zugriff auf unsere Daten und auf unsere Infrastruktur erhalten, können sie uns manipulieren. Und das ist gefährlich. Die Einmischung Russlands in den amerikanischen Wahlkampf ist knapp elf Monate nach der Wahl noch immer nicht geklärt. Diese Ungewissheit lähmt die Demokratie und verschärft die Vertrauenskrise in das politische System – nicht nur in Amerika.

Herr Bundesrat Cassis, der Klimawandel und die Digitalisierung verlangen nach einer neuen Außenpolitik – auch in der Schweiz. Es gibt bei diesen Themen kein "Außen" und kein "Innen" mehr, sie sind immer im wahrsten Sinn des Wortes global. Für Sie als zuständigen Außenminister heißt das: Denken Sie Ihr Amt radikal neu.

Vergessen Sie das diplomatische Protokoll, vergessen Sie die Hierarchien, vergessen Sie die Fünfsternehotels. Sie müssen Programmiersprachen verstehen, Sie müssen internationale Hackathons zum Klimawandel veranstalten. Sie müssen Chief Innovation Officer werden! Dazu müssen Sie nicht nur den "Reset"-Knopf in der Europapolitik drücken, sondern das gesamte Außendepartement (EDA) neu organisieren.

Hier unsere fünf Vorschläge, wie das funktionieren könnte:

1. Setzen Sie auf eine agile Verwaltung: Agil, das Modewort aus der IT-Industrie, verweist auf ein wertvolles Prinzip. Probieren Sie Neues aus. Testen Sie neue Konzepte. Messen Sie, und sammeln Sie strukturiert Feedback und Daten. Werten Sie diese aus, und dann passen Sie Ihre Arbeit an. Aus der Gesundheitspolitik und der Medizin sollte Ihnen das Prinzip vertraut sein: test, learn, adapt . Noch nie gab es so viele Möglichkeiten, politische Ideen anhand von Daten auszuprobieren. Kreieren Sie dazu eine "Squadra Speciale per l’Innovazione" in Ihrem Departement. Nehmen Sie sich dazu das Behavioural Insights Team aus dem Vereinigten Königreich, das MindLab aus Dänemark oder das GovLab aus den USA zum Vorbild. Sie werden erfreut sein!

2. Generieren Sie Wissen: Wissen bedeutet Macht, und die Weisheit der vielen schlägt das Nachdenken des Einzelnen im stillen Kämmerlein. Die Grundlage für dieses Wissen sind Daten, und das EDA verfügt über eine gigantische Menge an Informationen, die es allein unmöglich verarbeiten kann. Nur wenn Sie die Crowd, die Masse, einbeziehen, werden Sie diese nutzen können.

Deshalb sollten Sie eine Open-Government-Data-Strategie für das EDA erarbeiten und so viele Informationen wie möglich öffentlich zugänglich machen. Wenn zum Beispiel viele Menschen Klimadaten nutzen dürfen, können sie damit Veränderungen analysieren, Prognosen erstellen und uns allen damit helfen, dem Klimawandel mit klugen Lösungen zu begegnen. Während die USA androhen, ihre Klimadaten zu vernichten, könnte die Schweiz zu einem Hub für offene Daten und eine offene Wissenschaft werden.