Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Topf voller Rindfleisch. Tohid Marodiyan hat Zwiebeln angebraten, das Fleisch in Würfel geschnitten und es dann in den Topf gegeben. Nun zieht dichter Dampf aus dem Topf, das Fleisch verfärbt sich eigenartig. Und Marodiyan kreist um den Herd wie einer, der das Feuer beschwören will, aber die Zauberformel vergessen hat. Der Iraner dreht an den Knöpfen, rührt im Topf, es hilft nichts.

Zwei Meter neben ihm steht Thomas Mattern, weiße Kochschürze, und blickt über den Rand seiner Brille. Mattern hat ein Klemmbrett in der Hand, "Beobachtungsbogen" steht auf dem obersten Blatt. Der gelernte Koch notiert, wie sich Marodiyan in der Küche schlägt. "Der fachliche Ansatz", brummt er, "wäre etwas anders, nach klassischer europäischer Küche." Da würde man erst das Fleisch garen, dann die Zwiebeln braten. "Aber mir geht’s nicht nur um richtig oder falsch", sagt er. "Manchmal bringen die auch Lösungen mit, die ich noch gar nicht kannte."

Marodiyan und Mattern stehen in einer Industrieküche in Hammerbrook, was hier stattfindet, ist eine Art Prüfung: das sogenannte Kompetenzfeststellungsverfahren. In Hamburg dürfen Flüchtlinge, die ihre Qualifikation nicht schriftlich nachweisen können, in zweiwöchigen Seminaren zeigen, was sie können: als Koch, Schweißer oder Pfleger. Es ist ein Pilotprojekt ohne Beispiel in Deutschland und der Versuch, einer Mammutaufgabe Herr zu werden: der Integration Zehntausender von Flüchtlingen in den Hamburger Arbeitsmarkt. Am Ende des Seminars stehen ein Zeugnis und die Frage: Kann Marodiyan gleich als Koch anfangen? Oder wird der 39-Jährige als Anfänger eingestuft, der erst noch eine Ausbildung absolvieren muss?

Im Sommer 2015, auf dem Höhepunkt der Einwanderungswelle, waren die Erwartungen groß: Die Flüchtlinge, hofften viele, könnten den Fachkräftemangel lindern. Hamburger Unternehmen kündigten Tausende von Praktikumsplätzen an. "Auch in der Hamburger Wirtschaft gibt es eine Willkommenskultur", sagte der Geschäftsführer des Unternehmensverbandes Nord. Daimler-Chef Dieter Zetsche hoffte gar auf ein "neues Wirtschaftswunder".

Und heute, zwei Jahre später? In Hamburg leben gut 38.000 Flüchtlinge, die als arbeitsfähig gemeldet sind. Wie viele von ihnen haben Jobs, wie viele haben Chancen auf Anstellung? Wer sich umhört bei Behörden, Unternehmern und Flüchtlingen, trifft immer noch auf große Hoffnung und guten Willen. Aber unter den Optimismus mischt sich Skepsis: Ist diese Aufgabe überhaupt zu bewältigen? Es zeigen sich erste Enttäuschungen und vertane Chancen.

Birgit Vollstädt sitzt in ihrem Büro und zieht so eine vertane Chance aus dem Schrank, in Form eines Aktenordners mit der Aufschrift "Personal A – M". Vollstädt führt eine Bäckerei in Wellingsbüttel, einen Familienbetrieb in dritter Generation. Es sei heute "extrem schwer", Auszubildende zu finden, sagt sie: Kaum jemand sei bereit, um drei Uhr nachts aufzustehen für ein paar Hundert Euro Ausbildungsgehalt. Zwei Jahre suchte Vollstädt nach Kandidaten, vergeblich. Dann kam die Rettung, so schien es: Mohammed (Name geändert), 19, aus Afghanistan.

Vollstädt kramt eine Pressemitteilung der Senatskanzlei hervor, vom 23. Oktober 2015. "Mehr als 30 Flüchtlinge aus städtischen Unterkünften starten Handwerksausbildung", steht da, dabei das Foto eines lächelnden Olaf Scholz, neben ihm zwei Flüchtlinge. Vollstädt hat einige Sätze mit Textmarker angestrichen, zum Beispiel ein Zitat des Präsidenten der Handwerkskammer: Man könne, sagte Josef Katzer damals, "erreichen, was alle für unmöglich hielten, nämlich in nur acht Wochen 30 Neuankömmlinge in eine berufliche duale Ausbildung zu bringen". Insgesamt gab es sechs Bäcker-Azubis, das klang vielversprechend, und noch bevor es richtig losging, erinnert sich Vollstädt, seien damals in den Zeitungen "wunderschöne Berichte" über das Projekt erschienen.

Für Vollstädt und Mohammed endete es ernüchternd. Zum Start des Programms hieß es, dass die Ausbildung des jungen Afghanen in der Berufsschule von Deutschkursen begleitet wird. Als Mohammeds Ausbildung begann, war der Sprachkurs aber schon zu Ende, eine Fortsetzung gab es nicht. Jede weitere Unterrichtsstunde hätte der junge Mann selbst bezahlen müssen, erinnert sich Vollstädt – er war ja jetzt Arbeitnehmer.