"Ihr Schlangen und Otterngezücht", so beschimpft Jesus das religiöse und politische Establishment in gutem Lutherdeutsch. Da hat er es denen da oben mal so richtig gezeigt. Elitenkritisch, volksnah, charismatisch, zuspitzend und mit Gott auf seiner Seite – der Mann aus Nazareth könnte als der ideale Populist durchgehen, sozusagen als das ganz große Abziehbild in Sandalen für Männer in Karo-Sakkos, die das christliche Abendland gegen seine zahlreichen Verächter retten wollen. War Jesus ein Populist? Der Benediktinermönch Anselm Grün hat diese Frage in der vergangenen Woche in Christ&Welt verneint.

Doch wer unter "populistisch" einfach nur jemanden versteht, der populär geworden ist, kann kaum anders, als zu nicken – begeistert oder kleinlaut, je nach Perspektive. Jesus ist "dem Volk" nah, den sogenannten einfachen Menschen, die sich den Luxus nicht erlauben dürfen, kompliziert zu sein, Menschen, denen er mit einfachen Geschichten von der Zuneigung Gottes erzählt, von seiner Gegenwart, von seinem kommenden Reich.

In seinen Geschichten werden Leute in schlecht sitzenden Anzügen zu Festessen eingeladen und Kranke geheilt, um die sich schon lange keiner mehr gekümmert hat. Reiche dagegen werden durchs Nadelöhr geschickt und weltliche Machthaber als Hasenherzen und gottlose Schurken entlarvt. Die Ersten werden die Letzten sein. Ein Satz, den man auch pöbeln kann. Manche Bilder aus Kinderbibeln haben ebenfalls das Zeug fürs Populismus-Lehrbuch. Der Mann, der die Kinder auf dem Schoß hält, während die vermeintlich Wichtigen die Stirn runzeln, weil sie sich nicht die Hosen oder Hände dreckig machen wollen. Jesus ist einer, der mit Furor gegen Geschäftemacherei im Tempel vorgeht und denen, deren Beruf das routinierte Antwortgeben ist, Fragen über Fragen stellt. "Einer aus dem Volk für das Volk", der redebegabte Zimmermannssohn, ein Polemiker gegen die Volksvertreter, die niemanden als sich selbst repräsentieren: alles Volksverräter.

Ist Jesus ein guter Populist, der Populist Gottes sozusagen, der seinen Alleinvertretungsanspruch nur ins Religiöse überträgt? Dieser gute Populist käme nach Jesus, dem Rebellen, Jesus, dem neuen Mann, Jesus, dem Pazifisten, Jesus, dem Kirchenkritiker, Jesus, dem politischen Bauernopfer, Jesus, dem Lyriker, Jesus, dem Bankenkritiker, Jesus, dem Frauenschwarm, Jesus, dem Nationalisten. Was musste Jesus nicht schon alles sein. Dabei war er nicht mal Christ – und die Evangelisten waren keine Reporter mit Auftrag für vier konkurrierende Langzeit-Features. Sie schrieben die Erinnerungen der Gemeinden auf, die sich ihres Jesus-Bildes vergewissern mussten, um in schwierigen Zeiten zu bestehen und den Gekreuzigten und Auferstandenen aus seiner Vorgeschichte heraus zu verstehen.

Der Jesus, an den sie erinnern, ist zwar dem Volk nah, doch rennt er keiner gekränkten Volksseele hinterher und predigt nicht ein "gesundes Volksempfinden", das durch die Repräsentanten der Macht krank geworden ist. Er predigt auch nicht das homogene, reine, moralisch erhabene Volk gegenüber denen, die eigentlich gar nicht dazugehören und nur so tun, als seien sie das Volk. Ganz im Gegenteil. Im wahren Gottesvolk haben all die "Unreinen" Platz, also die, die niemand dazuzählen will: die, die ethnisch oder religiös nicht dazugehören wie die Samaritanerin oder der Zöllner, der schmutzige Geschäfte macht, die, die durch ansteckende Krankheiten oder zweifelhafte Herkunft als Aussätzige gelten, er redet mit Frauen, die sich prostituieren, und mit Männern, die als Verrückte gelten – alles Leute, die das Volk nicht sehen oder haben will.

Er predigt keine reine, schon gar keine ethnisch reine, sondern eine heile Gesellschaft von Menschen, deren gekränkte, geknickte oder versteinerte Herzen von Gott angerührt werden. Deshalb berührt er sie. Er verwandelt die Verwundungen der Seelen und der Körper nicht in politische Wut, er predigt vielmehr das Anerkanntsein durch Gott und den Nächsten und so eine unsichtbare Gemeinschaft, die sich über Volkskörpergrenzen hinwegsetzt.

Er stellt so das Wahrnehmungsraster von Zugehörigkeit grundsätzlich auf den Kopf. Zwischendurch hat er gigantischen Erfolg, die Leute rennen ihm hinterher und können gar nicht genug von ihm bekommen. Ein Popstar politischer und religiöser Utopien.

Doch als sie genug von ihm haben oder wollen, dass er endlich Exempel statuiert und endlich richtig draufhaut, als sie den Umsturz des Gottesreiches mit einer politischen Revolte verwechseln, ändert er seine Botschaft nicht, auch wenn die Jünger sich so manches Mal aufführen wie "Spin-Doktoren", die um des Erfolges willen Inszenierungstipps geben. Wenn ihm die Leute zu nah rücken, setzt er sich nicht in Szene oder lässt sich feiern, vielmehr zieht er sich zurück in die Einsamkeit. Vielleicht, um der Versuchung des Erfolgs nicht zu erliegen. Er brüskiert, er irritiert, er predigt in einfachen Worten und eingängigen Bildern eine Botschaft, die viele nicht hören wollen. Auf einem Esel reitend zieht er nach Jerusalem, eine lächerliche Figur, ein Antipopulist. Als wollte er sagen: Leute, ihr sitzt einem Missverständnis auf. Er instrumentalisiert die Sehnsucht der Menschen nicht. Er klärt sie auf. Er schaut dem Volk vielleicht aufs Maul, aber er redet ihnen nicht nach dem Mund, weil er die Autorisierung seiner Worte von woandersher erfährt. Gott dient ihm nicht als Rechtfertigung, sondern als Korrektur weltlicher Ansprüche.

Der politische Populismus ist die Bewegung, bei der, zugespitzt, immer die nicht zum Volk gehören, die anders aussehen, die Dinge anders sehen, die zögern oder suchen oder fragen oder gar widersprechen. Deshalb gibt es den "guten" Populismus im Grunde nicht, weil seine Botschaft aus dem Dagegensein kommt und willkürlich Menschen zu Feinden erklärt. Jesu antipopuläre Popularität kommt aus dem Dafürsein. Gott ist für alle Menschen nahbar geworden. Das ist die Provokation. Bis heute.