Ein Stoff, so kitschig, dass es tropft. Eine Königin und ihr Diener. Eine alte Frau und ein frischer Schönling. Ein Farbiger! Der ganze Krinolinenplunder der viktorianischen Epoche und dazu die Exotik von Indien und das absurde, zugeknöpfte Hofprotokoll und zwischendurch Picknick auf sturmumtoster schottischer Heide, bibbernde Menschen in Tweed. Rückzug unter Regen. Eine tolle Kostümklamotte, wird sich der Regisseur Stephen Frears gedacht haben. Und war so etwas nicht schon erfolgreich in Gefährliche Liebschaften (1988) gewesen, dem raffinierten französischen Rokoko? Oder in The Queen (2006), Berichte aus der Festung Buckingham Palace, denen damals Helen Mirren die gebotene Straffheit gab?

Auch dieser Film Victoria & Abdul wird ein bombiger Erfolg werden, aus Gründen, die man nicht nur gutheißen kann. Gelegentlich scheint es, als schlängele der Film sich durch mit routiniert abgekurbelten Szenen. Auftakt in Indien, Geschrei in Gassen und eilige nackte Füße in Latschen, denen die Kamera folgt. Bewährter Trick, der Komparsen spart. Dann Staatsdiener in England, Kerzenschimmer, wo ist die Suppe, Geschrei in der Küche. Das Skript lässt keinen Gag aus auf Kosten von Hofdamen und schwitzenden Beamten und süßen Laufbürschlein in Uniform. Dann Auftritt: die Königin.

Victoria, Königin des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Irland sowie Kaiserin von Indien. Herrscherin über ca. 1 Milliarde Menschen. Victoria war der Inbegriff einer Ära, übrigens der Tugendhaftigkeit, was nicht ohne Charme ist, immerhin geht es hier um so etwas wie eine Affäre, es ist schon ihre zweite, die sich zur Staatsaffäre auswächst, auch darin ist es die zweite. Victoria hat, als sie in diesem Film auftritt, schon 53 Jahre lang regiert. Die Kamera spürt sie im Bett auf.

Jetzt zeigt die Kamera, was sie kann. Besser gesagt, sie zeigt so gut wie gar nichts, also von Victoria. Sie bleibt auf Distanz. Man sieht ein Bettdeckengebirge. Brutales, ekliges Geschnarche.

Und das bleibt so, lange, schöne Szenen lang. Man sieht, was die Königin sieht, ihre beflissenen Ladys, die ewige Ankleiderei, Klamotten über Klamotten, die eine weiche Masse von Mensch in eine Regentin transformieren. Man sieht diesen ganzen Hofzinnober, aber Victoria? Ist eine winzige Gestalt am Ende eines langen Tisches. Eine, die mit den Händen ins Essen patscht wie ein Kind, schlürft und schmatzt. Knochen aufbiegt und aussaugt, wie ein Tier. Dann schaut sie hoch. Judi Dench zeigt ein großes, weißes, in Tausende von Fältchen gelegtes Antlitz. Augen, die im Fett verschwinden, kleine müde Augen. Sie fallen auf diesen indischen Diener.

Die echte Victoria war auch in jungen Jahren keine Schönheit gewesen. Die kindliche Nase, darunter winzig das Kinn, der Mund gerne offen. Glupsch-Äuglein. Das notierte Lytton Strachey, der legendäre Biograf der viktorianischen Ära, in seiner bösen Bloomsbury-Art. Noch ein Blick, weil es so schön ist – auf "kleine fette gebieterische Hände". Tatsache ist, Victoria blieb ihr Leben lang, was sie war, als sie im Kensington Palace aufwuchs, das einsame Kind einer kalten, herrischen Mutter, das selber eine kalte, herrische Mutter wurde, eine Mutter von neun Kindern. Sie konnte ihnen keine Liebe geben, wie auch, wo sie selbst nie genug Liebe kriegen konnte, nicht von Albert, ihrem Mann, der sich für sie verausgabt hatte und mit 42 Jahren starb, und nicht von ihrem Diener Mr. Brown, der sie tröstete, zwanzig Jahre lang, bis auch er starb und sie dann Abdul traf, vier Jahre nach Browns Tod. Abdul Karim. Diener, dann Einflüsterer, Munshi genannt, der Rasputin der Königin. Aus Indien. Er servierte Curry, danach Urdu, mit ein wenig Islam-Soße. Staatskrise!

Ali Fazal gibt diesen Typen ausgesprochen frisch und schmuck, in den Fantasieklamotten, die ihm seine Königin verpasste, deren Part am Set von der Kostümbildnerin Consolata Boyle übernommen wurde. Viel Tweed. Seidige Tuniken und Schärpen, sehr Bollywood-style. So sieht man Ali Fazal dann als Abdul-Säule bei Wind und Wetter neben dem Tischlein stehen, das die Regentin beliebte, ins Freie rücken zu lassen, um ihre Staatsgeschäfte abzuarbeiten, Abduls Platz ist genau da, wo vor ihm einmal John Brown stand. Das ging so, bis sie tot war.