Blau ist die Farbe des Himmels, die Farbe der Freiheit und der Ferne. Alle Welt liebt das Blau. Aber Hamburg liebt es noch etwas mehr. Vielleicht weil man sich in dieser Stadt öfter als anderswo danach sehnt. Der blaue Blazer mit den goldenen Knöpfen, die allgegenwärtigen blauen Mäntel und Pullover, die blau-weiße Raute des HSV und das jährliche Lichtspektakel Blue Port spielen natürlich auf die Nähe zum Meer an, können aber auch als dezente Aufforderung interpretiert werden: Soll sich der Himmel doch bitte ein Beispiel an Hamburg nehmen und seinerseits Blau tragen!

Wenn das mal wieder nicht der Fall ist, kann das Buch Blau: Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen von Jürgen Goldstein ein paar trübe Stunden aufhellen. Es ist ein gut gelaunter Spaziergang durch die Kulturgeschichte der Farbe. Ein Schreiben ins Blaue hinein, sympathisch unsystematisch, aber nicht beliebig. Das soll auch der Begriff "Wunderkammer" im Untertitel andeuten: Wunderkammern waren im Barock fürstliche Sammlungen, in denen kuriose Objekte aus der Natur- und Kulturgeschichte ebenso Eingang fanden wie große Werke der Kunst. Anders als die geordneten Museen, die später aus ihnen hervorgingen, haben Wunderkammern den Vorzug, dass die Objekte in überraschende Beziehungen treten. Für Goldstein liegt darin ihr Geheimnis: "Das sich Fremde steigert sich in seiner Wirkung gegenseitig."

Konkret heißt das: Goldstein folgt keinem roten Faden, sondern stellt in zwanzig Kapiteln Fundstücke aus. Etwa unter dem Titel: "Jim Morrison, Tutanchamun, Patti Smith und die blaue Blume des Novalis". Bei allen taucht das Blau als Symbol für etwas Verlorenes, Wiederzugewinnendes auf.

Grundlegendes verstreut Goldstein bevorzugt en passant. Dass die Farbe Blau in der europäischen Kultur recht spät auftaucht, dass noch im frühen Mittelalter Künstler und Schriftsteller den Himmel meist weiß, rot oder goldfarben malten und schilderten, erfährt man in einleitenden Sätzen zum Kapitel über die Bluejeans. Überhaupt gilt Goldsteins Interesse überwiegend der amerikanischen Kultur. Ein Höhepunkt des Buches sind die Erkundungen des Blues und seiner Ursprünge: Mitreißend erzählt Goldstein vom irrlichternden Robert Johnson, von Miles Davis und seinem Album Kind of Blue, von George Gershwin und dem Blue-Note-Plattenlabel.

Einen zweiten Schwerpunkt des Buches bilden die deutsche Romantik und einige französische und englische Schriftsteller. Auf dem berühmten Bild Mönch am Meer von Caspar David Friedrich entdeckt Goldstein einen Himmel, der sich selbst genügt: "Der Mensch steht abseits. Der strahlend blaue Himmel verweigert sich uns in all seiner Pracht." Albert Camus gilt das Blau des Himmels hingegen als Inbegriff eines südlichen, sinnlichen Lebens. Für Virginia Woolf wiederum wird Blau zu einer Farbe der Entgrenzung, zur Farbe sich eröffnender Möglichkeiten, zur Farbe der weiblichen Emanzipation.

Jürgen Goldstein, Professor für Philosophie, hat sich mit Blau an ein kulturgeschichtliches Thema gewagt. Nicht zum ersten Mal. Auch sein Buch Georg Forster. Zwischen Freiheit und Naturgewalt lässt die analytische Strenge der Philosophie weit hinter sich. Glänzend erzählt es vom Leben des großen Weltbürgers der klassischen Epoche. Goldstein bekam dafür 2016 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik.

Weil Jürgen Goldstein prägnant formuliert und gekonnt arrangiert, folgt man auch in Blau jedem Schlenker mit Vergnügen. Selbst wenn er inhaltlich oft im Bekannten verharrt. Der Kontinent Afrika bleibt für ihn eine schwarze Landkarte, abgesehen von Tunesien – weil Paul Klee da war – und der Insel Mauritius, die dank der berühmten Kolonial-Briefmarke Erwähnung findet; die islamische Kultur, in der die Farbe Blau viel früher als in Europa geschätzt wird, handelt Goldstein wie die indische mit wenigen Sätzen ab; Ostasien fällt komplett unter den Tisch, mitsamt dem blau-weißen Porzellan der Ming-Zeit.

Diese Lücke ist nur für eins gut: Sie weckt die Sehnsucht nach der Ferne, von der das Buch auf allen Seiten spricht.

Jürgen Goldstein: Blau
233 S., 20,– €