Das Dorf Arenys de Munt leuchtet in Rot-Gelb. Die katalanische Nationalflagge, die Senyera, hängt von Straßenlampen, Balkonen, Fenstern, Zäunen, Bushaltestellen und Strommasten. Im ganzen 9.000-Einwohner-Ort, so scheint es, herrscht festliche Erwartung. Denn am Sonntag, dem 1. Oktober, könnte sich der Wunsch nach "Freiheit" erfüllen. Dann wollen die Katalanen darüber abstimmen, ob Katalonien, eine von 17 autonomen spanischen Gemeinschaften, ein unabhängiger Staat werden soll.

Im Falle eines Ja will die Generalitat de Catalunya, die Regionalregierung, binnen 48 Stunden die Unabhängigkeit verkünden. Es wäre die Geburt eines neuen Staates im Herzen Europas. Eines Staates, der nicht wie die baltischen Staaten oder die Westbalkanstaaten aus dem Zerfall von Diktaturen hervorgegangen wäre, sondern der aus einer anerkannten Demokratie herausgebrochen würde. Welche Kräfte haben an Katalonien gewirkt, die so etwas möglich erscheinen lassen?

Wer dieser Frage nachgeht, trifft schnell auf einen übersteigerten Nationalmythos, der sich – je nach Bedarf – mal als linker Opferkult, mal als liberaler Demokratiekampf verbrämen lässt. Er trifft außerdem auf eine Kampagne, die mindestens so undurchdacht wirkt die der Brexit-Forderer in Großbritannien.

Arenys de Munt ist Teil des Selfmade-Mythos. Gut vierzig Kilometer nordöstlich von Barcelona nistet der Ort in einem engen Tal. Ein unscheinbares Fleckchen. Im September 2009 allerdings brachte er eine Sensation hervor. Hier fand die erste Volksbefragung über die Unabhängigkeit Kataloniens statt. Der Probelauf für das Referendum am Sonntag, sozusagen.

Der 55-jährige Joan Ximenis saß damals im Gemeinderat, er war einer der Initiatoren der Befragung. Genau wie heute das spanische Verfassungsgericht das anstehende Referendum für unzulässig erklärt hat, so hätte auch damals eine Volksinitiative gegen das Gesetz verstoßen. Aber Ximenis und seine Mitstreiter fanden einen Weg, die Befragung möglich zu machen. Sie legten sie als rein symbolisch an, ohne bindende Wirkung.

Trotzdem wurde der Plan in Arenys de Munt über Nacht zum landesweiten Aufreger. Ein katalanisches Dorf stimmt über die Unabhängigkeit ab! Die Symbolwahl wurde als Volksfest arrangiert, die Besucher kamen in Scharen. "Wir mussten die Straße sperren, weil es keinen Platz mehr für die Autos gab", berichtet Ximenis. Dann malt er in blumigen Worten die festliche Stimmung aus, die auf den Straßen und Plätzen des Dorfes geherrscht habe. Der "Geruch von Freiheit" habe in der Luft gelegen. So wie es Ximenis erzählt, muss dieser Tag wie ein rauschhaftes Ereignis gewirkt haben. An seinem Ende hatten 91 Prozent der Dorfbewohner für die Unabhängigkeit gestimmt, bei einer Wahlbeteiligung von 41 Prozent. "Damals sagten viele, wir seien verrückt. Fanatiker!"

Tatsächlich waren die Abtrennungswilligen lange Zeit keine ernst zu nehmende Bewegung, laut Umfragen lag ihr Anteil jahrzehntelang in der katalanischen Bevölkerung zwischen 15 und 20 Prozent. Ab 2009 ändert sich das. Dem Beispiel Arenys de Munt folgten innerhalb von zwei Jahren 555 von 942 katalanischen Gemeinden. An all diesen consultas zusammen nahmen 900.000 Menschen teil. Sie stimmten mit großer Mehrheit für die Unabhängigkeit. Heute liegt der Anteil der Separatisten unter den 7,5 Millionen Einwohnern Kataloniens laut Umfragen bei rund fünfzig Prozent.

Joan Ximenis ist seit seinem fünfzehnten Lebensjahr überzeugter Separatist. Marxist ist er von Kindesbeinen an. Sein Großvater hatte ihm eingebleut: "Wir sind eine Proletarierfamilie. Wer arbeitet, wird nicht reich. Wer reich wird, der ist ein Räuber. Und du raubst nicht!" Ximenis sagt, er sei bis heute Proletarier geblieben. Er ist Mitglied der antikapitalistischen, antieuropäischen Candidatura de Unitat Popular (CUP). Diese CUP ist Teil der katalanischen Regierungskoalition, die das Referendum für den 1. Oktober angesetzt hat. Ximenis sieht keinen Widerspruch zwischen Sozialismus und Nationalismus. Er sei durchaus solidarisch mit den Unterdrückten dieser Welt: "Wir müssen zuerst uns selbst befreien, dann können wir an die Befreiung anderer denken."

"Ein demokratisches Desaster"

Aber Befreiung wovon? Von der spanischen Demokratie? Ximenis antwortet: "Demokratie? Das ist doch nur die Maske für Diktatur. Der Franquismus ist immer noch an der Macht." Vom Regime General Francos hat sich Spanien freilich schon vor vierzig Jahren befreit. Ximenis war selber Bürgermeister von Arenys de Munt, frei gewählt von Bürgern des Ortes. All das ficht seine Überzeugung nicht an: "Die spanische Demokratie ist nur Schein."

Die Maske der Demokratie falle in diesen Tagen, das sagen allen Ernstes viele Separatisten. Jetzt, da der Staat Polizisten schickt, um das Referendum vom 1. Oktober zu verhindern, und weil das Verfassungsgericht es für nicht zulässig erklärt hat; jetzt, da im Hafen von Barcelona Schiffe andocken, in denen Hunderte Polizisten untergebracht werden sollen, herbeigeholt als Verstärkung aus anderen Landesteilen; jetzt, da 13 hochrangige Mitglieder der Provinzregierung festgesetzt wurden, weil sie das gesetzwidrige Referendum vorbereiteten. All dies ist den Propagandisten Beweis genug: Spanien sei eine Diktatur, und die Katalanen ein unterdrücktes Volk. Tatsächlich verteidigt der konservative Premierminister Mariano Rajoy lediglich die Verfassung. Laut ihr ist Spanien ein unteilbares Land, und Referenden über eine Sezession sind nicht vorgesehen. Doch Bilder haben derzeit eine größere Macht als die Verfassungswirklichkeit. Im Fernsehen sieht man, wie Polizisten Politiker festsetzen und wie Zehntausende Demonstranten sich der Staatsmacht entgegenstellen, während im Hafen weitere Uniformierte landen, als wären sie eine Besatzungsarmee. Premierminister Rajoy sieht sich zunehmend von dieser von ihm selbst geschaffenen Bilderwucht in die Ecke gedrängt.

Der Madrider Regierungschef hätte Gelegenheit gehabt, mit der katalanische Frage konstruktiv umzugehen. Er hätte sich spätestens ab 2010 Katalonien zuwenden müssen. In jenem Jahr lehnte das Verfassungsgericht Teile eines erweiterten Autonomiestatuts ab. Die Katalanen hatten in großer Mehrheit dafür gestimmt. Das spanische Parlament hatte es abgesegnet. Es half nichts, die Verfassung verbot eine weitergehende Eigenständigkeit.

Der damalige Präsident der katalanischen "Generalitat", Artur Mas, bezeichnet diese Entscheidung gegenüber der ZEIT als Wendepunkt. "Sie bedeutete: Das letzte Wort über das Schicksal der Katalanen haben nicht die Katalanen, sondern hat das Verfassungsgericht. Ein demokratisches Desaster." Mit Premier Rajoy, so schildert Mas es, habe er um einen besseren Finanzausgleich gerungen. "Aber er wollte nicht auf mich hören!" Mas, Spross einer großbürgerlichen Familie, elegant, weltläufig, vielsprachig, wandelte sich danach vom Autonomisten zum Separatisten. 2014 eröffnete die Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit den consultas ein Verfahren gegen ihn. Ihm wurde unter anderem Rechtsbeugung und Amtsanmaßung vorgeworfen. Im März dieses Jahr wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt. Er ist dagegen in Berufung gegangen. Heute sagt er: "Die Katalanen wollen als Nation anerkannt werden und als Nation über ihre Zukunft entscheiden."

Zehntausende gehen auf die Straßen, in Barcelona und in anderen Städten. Sie rufen nicht "Independència!", sondern: "Votarem! Votarem!" – "Wir werden wählen!" Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines Strategiewechsels der Separatisten. "Wir haben bewusst nicht mehr über die Unabhängigkeit geredet, das schreckt die Leute ab", sagt Anna Arqué, Separatistin der ersten Stunde. "Wir haben über das Recht auf Selbstbestimmung gesprochen. Das Recht eines Volkes, sein Schicksal in die Hand zu nehmen. Damit haben wir viel mehr Menschen angelockt."

Die Separatisten traten seither im Gewand der einzig wahren Demokraten auf. Der Erfolg dieser Strategie ist heute zu besichtigen. Wen immer man auf den Straßen fragt, ob Studenten, Schüler, Rentner oder Berufstätige, sie alle sagen: "Wir sind hier, weil uns das Recht zu wählen genommen wurde!" Die Tatsache, dass seit dem Ende der Diktatur 1977 zahlreiche Wahlen stattgefunden haben, dass die Katalanen ihre Regionalregierung, ihre Gemeinderäte, ihre Abgeordneten für das Parlament in Madrid in freien und geheimen Wahlen bestimmen, die Tatsache, dass Spanien von allen Mitgliedern der EU als Demokratie respektiert wird und sich zum Grundrechtekatalog der EU bekennt – all das gilt bloß als Schein, als ein Trick der Diktatur. "Sie haben euch das Wahlrecht genommen!", lautet die Botschaft der Separatisten. Sie vertreten ihre Standpunkte nicht mit dumpfer Derbheit. Sie vermögen mit geschliffenen Worten zu argumentieren und ihre Gesprächspartner einzuspinnen.

Raül Romeva, der "Außenminister" der katalanischen Regierung, ist einer von ihnen. Er empfängt in einem prächtigen Büro, das gleich hinter der Kathedrale Barcelonas liegt. Nach einer ausschweifenden Begründung sagt er in apodiktischem Ton: "Die Demokratie ist in Gefahr. Nicht mehr und nicht weniger." Auch der elegante Artur Mas sagt das, und der aktuelle Präsident der Generalitat, Carles Puigdemont, spricht von einem "Staatsstreich gegen die Autonomie Kataloniens".

Das kommt bei den aufgewühlten Bürgern gut an. Die Votarem!-Rufer halten sich für die Wiedergänger der Menschen, die 1989 die Berliner Mauer zum Einsturz brachten. Sie glauben, Spanien sei ein Gefängnis für die Katalanen.

Dass es ein Chaos werden könnte, mag sich niemand vorstellen

Die Wucht dieser Propaganda hat auch eine europäische Dimension. Sie gründet in der Finanz- und Euro-Krise, die 2008 begann. Viele Europäer sehen sich seither als Opfer einer Politik, die ihnen aufgezwungen wird. Angela Merkels Diktum von der "Alternativlosigkeit" der Euro-Rettungspolitik hat viele in diesem Gefühl bestätigt. Der damalige griechische Premier Andreas Papandreou war der Erste, der 2011 den von der EU verordneten Sparkurs einem Referendum unterwerfen wollte. Die Spitzen der EU – allen voran Merkel – lehnten entgeistert ab. Referenden gewannen gerade darum an Attraktivität. Sie erschienen nun als Waffe des Volkes gegen die angebliche Diktatur des Kapitals, der Märkte, der Banken, der Eliten. Wie der Slogan "We want our country back" der Brexiteers, so hat sich die separatistische Bewegung Kataloniens mit dem Gedanken aufgeladen, dass sich das Volk nur selber ermächtigen müsse, um alles zum Besseren zu wenden. Es ist ein Phantasma von ungeheurer Suggestionskraft, stärker als die schnöde Wirklichkeit.

Die sähe im Fall einer Abspaltung so aus: Die EU hat immer wieder deutlich gemacht, dass ein unabhängiges Katalonien erst einmal aus der Europäischen Union (und damit aus der Euro-Zone) austreten und sich dann "hinten anstellen" müsste. Joan Ximenes entgegnet darauf nur: "Ach was, nach zwei Tagen sind wir wieder in der EU." Ähnliches hört man von allen offiziellen Regierungsstellen Kataloniens; die EU werde sich schon abfinden mit dem neuen Staat – sie sei ja pragmatisch. Außerdem sei Katalonien für die EU äußerst attraktiv; wenn es um die wirtschaftlichen Aussichten eines unabhängigen Staates geht, ruft der Antikapitalist Joan Ximenis große Unternehmen auf: "Wir haben Seat, wir haben Carrefour, die Chinesen haben einen Teil des Hafens in Barcelona gekauft, Amazon hat schon Hunderte Millionen in Logistikzentren investiert. Meinen Sie, das würden die tun, wenn sie glaubten, dass wir nach der Unabhängigkeit aus der EU fliegen würden?"

Auf den Gedanken, dass Spanien einen EU-Beitritt eines unabhängigen Kataloniens ganz gewiss mit einem Veto belegen würde, kommen die Separatisten nicht. Sie sehen auch nicht, dass die großen Firmen morgen wieder abziehen könnten. Und wo eigentlich würde der große FC Barcelona spielen? In einer katalanischen Liga? Ach, das werde sich schon alles klären: "Lassen Sie uns eine neue Republik bauen!" lautet einer der Slogans. Dass es ein Chaos werden könnte, mag sich niemand vorstellen.

Derweil eskaliert die Lage, weil beide Seiten ein Interesse an Härte haben. Rajoys Haltung stärkt ihn bei den Konservativen, und auch die Separatisten haben die Bilder, die sie brauchen. Je länger diese Konfrontation dauert, desto tiefer sickert das Gift in das Gewebe der Gesellschaft, entzweit Freunde, Nachbarn, Familien. Die Moderaten, die es immer noch in großen Scharen gibt, hüllen sich zunehmend in Schweigen. Angst hat sich eingeschlichen, die Angst vor den Gedanken und Überzeugungen des anderen.

Joan Ximenis ist sich sicher, dass am Sonntag gewählt werden wird. Und die Wahlurnen? Wo werden die sein? Die Polizei ist angeblich auf der Suche nach ihnen, sie beschlagnahmt, was sie findet. Da lächelt Joan Ximenis und sagt: "Und wenn Amazon die liefert? Im letzten Moment? In der Nacht vor dem Referendum!" Amazon als Geburtshelfer eines unabhängigen Kataloniens – das ist keineswegs als Scherz gemeint.