Es dauert exakt eine Sekunde, bis man an einem durchschnittlichen Abend mit Mario Kaulfers zurück in den alten Zeiten gelandet ist. "Ich möchte alle begrüßen, die mit mir hiergeblieben und nicht in den Westen rübergemacht sind!", sagt er. Alle lachen. Dann ruft er seinem Publikum zu: "Seid bereit!" Und alle antworten: "Immer bereit!" Schon hat die große DDR-Show begonnen, hier, irgendwo in den Weiten Ostsachsens.

Mario Kaulfers, 1965 in Görlitz geboren, gelernter Textilmaschinenmechaniker, 1983 als staatlich geprüfter "Schallplattenunterhalter" zugelassen, verdient sein Geld heute – mit der DDR. Und er verdient nicht schlecht. Mehr als 300-mal im Jahr tritt er irgendwo auf, meist im Osten, manchmal sogar im Westen, und unterhält sein Volk mit Witzen aus alten Zeiten. Ständig, sagt er, müsse er Anfragen absagen, weil sie nicht mehr in seinen Kalender passten. Noch nie habe das Geschäft mit DDR-Kalauern so gebrummt wie heute. Auf seiner Homepage wirbt er mit dem Spruch: "Freuen Sie sich auf 60 Minuten Ostalgie der Spitzenklasse!" Und die Leute buchen ihn. Er ist Dauergast in Festzelten, tingelt zu Firmenfeiern, Dorfpartys, runden Geburtstagen und Goldenen Hochzeiten. DDR-Comedy heißt sein Programm. Man könnte es auch Hardcore-Ostalgie nennen.

Wieso hat er gerade jetzt, fast 28 Jahre nach dem Fall der Mauer, so großen Erfolg?

Ein Sonntag im tiefsten Sachsen, draußen im Lausitzer Seenland. Kaulfers wird noch drei weitere Auftritte an diesem Tag absolvieren, der erste findet nicht weit von seinem Wohnort, dem Dörfchen Neißeaue, statt. Die Strecke führt über holprige Waldwege zu einem Festgelände, auf dem Jubilar Arthur in einem kleinen Zelt seinen Achtzigsten feiert. DDR-Comedian Kaulfers ist als Lachnummer gebucht, nach den Rinderrouladen, aber vor der Geburtstagstorte. Er wird heute als "ABV" auftreten, als "Abschnittsbevollmächtigter", der durch die Gegend horcht, sozialistische Leistungen feiert und Verstöße gegen das Kollektiv abstraft. "Alles mit einem Augenzwinkern", wie Kaulfers immer wieder betont.

"Wo hat der Arthur vor der Rente zuletzt gearbeitet?", will Kaulfers vor dem Auftritt noch schnell von Arthurs Schwiegertochter wissen, sie hat ihn eingekauft. Im VEB Fernsehtechnik, sagt sie. Also gut: Der Alleinunterhalter wird den Jubilar während seiner einstündigen Show nun konsequent "lieber Genosse Arthur aus dem Fernsehkombinat" nennen und ihn als "Held der Arbeit" feiern.

Sobald Mario Kaulfers das Zelt betritt, muss er einen Draht zum Publikum spinnen, zack, zack, einen Scherz nach dem anderen raushauen, bloß nicht lockerlassen, sonst hängt die Stimmung durch. Das klappt eigentlich immer, auch an diesem Nachmittag. "Wer schön mitmacht, bekommt 200 Euro mehr Rente, und die Muttis kriegen ihren Haushaltstag zurück!", ruft Kaulfers. Brüllendes Lachen. Eine Nummer jagt die nächste, es gibt keine Debatten, nur großes Gelächter. Im Akkord lässt Kaulfers Puhdys-Hits mitsingen, imitiert Erich Honecker und stimmt das FDJ-Lied an, "Bau auf, bau auf!". Die meisten singen fröhlich mit. "Liebe Leute, wir wollen nicht vergessen, es war unsere Zeit, und es war nicht alles schlecht", sagt Kaulfers. Er lässt die DDR aussehen wie einen Staat, der ein paar kleine Macken hatte, aber im Großen und Ganzen eine ziemlich gute Sache war.

Warum macht er das? Und warum funktioniert das bloß?

Mario Kaulfers, 52, wirkt immer noch jungenhaft, wenn er in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen steckt. In Uniform, seinem Bühnenoutfit, sieht er etliche Jahre älter aus. Seinen Kunden verspricht er ein Showpaket mit "originalen Kostümen und vielen DDR-Produkten", "eine Zeitreise durch die ›guten‹ alten Zeiten", inklusive einer Vorlesung aus fiktiven Stasi-Akten, "bei der kein Auge trocken bleibt".