Berliner Runde am Wahlabend: In jenem Moment, in dem Martin Schulz begann, sich wie einst Gerhard Schröder beinahe um Kopf und Kragen zu reden, wie sein Sitznachbar Christian Lindner bemerkte, und Angela Merkel anzupöbeln wie vorher eigentlich nur die AfD-Pöbler auf den Marktplätzen, in genau diesem Moment dachte man, dass dieser Mann doch ein Unbekannter geblieben war. Eigentlich wusste man zu keinem Zeitpunkt, wer der Spitzenkandidat der SPD wirklich war. Trotz all der Wahlkampfmonate, in denen er Interviews gegeben hatte, trotz all der Wochen, in denen er durch dieses Land getingelt ist, hatte man bis zum Schluss nicht richtig verstanden, wofür er stand und was er an der Spitze dieses Landes (besser machen) wollte.

Vielleicht lag das daran, dass Martin Schulz kaum je den Eindruck vermitteln konnte, Angela Merkel ernsthaft schlagen, gegen sie ernsthaft gewinnen zu wollen. Sich selbst also nie ganz in die Waagschale warf. Seine Kandidatur folgte zwar der Logik von Wahlkämpfen, wonach die beiden Volksparteien eben um die Kanzlerschaft zu ringen haben, aber nicht der Logik des Lebens, der Straße. Weil er tief in seinem Inneren wusste, dass er ihr, der mächtigsten Frau der Welt, nicht beikommen würde?

Nun hat der 61-Jährige mit 20,5 Prozent das schlechteste SPD-Ergebnis der Nachkriegsgeschichte erzielt, in Ostdeutschland fiel die Partei hinter AfD und Linkspartei sogar auf den vierten Platz. Aber kann eigentlich jemand, der nicht gewinnen will, im Moment der Niederlage wirklich scheitern? Um die Frage aber, wie man in der Politik scheitert, soll es hier einmal gehen.

Erinnern wir uns: Martin Schulz reiht sich in eine fast schon beträchtlich zu nennende Reihe von westdeutschen, männlichen SPD-Verlierern ein. Kein gutes Omen. Gerhard Schröder hatte als Erster gegen Angela Merkel verloren; Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück konnten sie nicht bezwingen; und Letzterem hat der Wahlkampf, der sich vor allem in den letzten Wochen an Peinlichkeit nicht mehr überbieten ließ – erinnert sei an den Stinkefinger auf dem Cover des SZ-Magazins –, bis heute geschadet. Schulz’ Wahlkampf blieb zum Glück, bis auf den jüngsten Auftritt in der Berliner Runde, skandalfrei und auch ohne größere Peinlichkeiten, obwohl, wer ihn ein bisschen näher beobachtete, feststellen musste, dass es auch ihm schwerfiel, der weiblichen Amtsinhaberin zu begegnen, sie konstruktiv zu kritisieren.

Während seiner Wahlkampfauftritte war einem jedenfalls aufgefallen, dass er sich entweder über Angela Merkel lustig zu machen versuchte oder aber verächtlich über sie redete. Über ihre angebliche "Schlafwagenpolitik", über ihr "ideenstaubsaugerhaftes" Wesen. Konstruktive Kritik aber war eher selten zu hören, was von Journalisten oft damit erklärt wurde, dass man doch so lange gemeinsam in einer Koalition gesessen habe und deshalb für das meiste gleichermaßen verantwortlich sei. Dennoch, da sprach auch ein Mann erkennbar verächtlich über eine Frau, wie Männer oft und gern verächtlich über Frauen sprechen, wie über Merkel oft verächtlich von Männern gesprochen wird.

Männer hören sich selbst so nicht reden, aber Frauen bemerken diese Art der Untertöne und wenden sich ab. Zumal da auch ein Mann ohne Abitur über eine promovierte Physikerin herzog, also durchaus auch etwas Dünkelhaftes herauszuhören war. Im Wahlergebnis schlägt sich so etwas sofort nieder, werden Emotionen und gefühlte Wahrheiten zu knallharten Zahlen: Frauen haben Angela Merkel signifikant mehr Stimmen gegeben, während sie sich für Martin Schulz kein Stück mehr interessierten als Männer.

Scheitert man in der Politik also nicht als Politiker, sondern ganz einfach und vor allem als Mensch? Und wenn dem so ist, dann war die Zeit zwischen der Kandidatur von Martin Schulz im Januar und dem Tag der Stimmabgabe im September schlicht zu kurz, um sich neben programmatischen Entscheidungen auch noch zu versichern, wer und wie eigentlich der Mensch ist, den man da wählen soll.