DIE ZEIT: Michael Haneke, in Ihrem Film Happy End gibt es Vergiftungen, Selbstmordversuche, tödliche Unfälle, und das alles ist ziemlich unterhaltsam.

Michael Haneke: Ich hoffe, dass der Film als die Farce verstanden wird, die er ist. Hier in Wien gab es Vorführungen für Filmförderer, bei denen eisiges Schweigen herrschte.

ZEIT: Aus Ehrfurcht?

Haneke: Vielleicht denken die Leute ja, man dürfe sich in einem Film von mir nicht amüsieren. Ich freue mich jedenfalls sehr, wenn in Happy End gelacht wird.

ZEIT: Ist eine schwarze Komödie die passende Antwort auf unsere Zeit?

Haneke: Ich würde schon sagen, dass unsere Gesellschaft das Recht auf die Tragödie verwirkt hat. Das gilt natürlich nicht für den Einzelnen. Es gibt das persönliche Drama des Individuums. Aber wenn man von Ländern oder Kulturkreisen spricht, dann haben wir dieses Recht verwirkt. Die Tragödie ist ausgewandert.

ZEIT: Was kann die Komödie, was die Tragödie nicht kann?

Haneke: Sie kann mit einer gewissen Distanz und ohne Selbstmitleid auf unsere Art zu leben blicken, auf unseren Autismus, auf unsere Blindheit.

ZEIT: Im Zentrum Ihrer schwarzen Komödie stehen die Laurents, eine Dynastie von Bauunternehmern. Großvater, Kinder und Enkel leben gemeinsam mit den Dienstboten in einem großbürgerlichen Haus in Calais. Ist dieses Haus ein Bollwerk, eine Haltung, eine Metapher?

Haneke: Die Idee hinter diesem Haus ist die: Es gehört einer Familie, die einmal bessere Zeiten gesehen hat. Und das familieneigene Bauunternehmen war wohl Nutznießer des Tunnelbaus. Der Tunnel nach England war die größte Baustelle Europas. Damals haben die Laurents ihr Vermögen gemacht, und jetzt wohnen sie in einem Haus, das für sie eigentlich zu groß ist. Dieses Haus mag großbürgerlich wirken, aber das Großbürgertum gibt es nicht mehr. Wir sind alle Kleinbürger, mal mit mehr, mal mit weniger Geld.

ZEIT: "Was tut man nicht alles, um nichts zu verlieren." Dieses Motto, das Sie vor Jahren über Ihren Film Caché gestellt haben, könnte man weiterverwenden.

Haneke: Das ist ja auch ein exemplarischer Satz für unsere Gesellschaft, oder? Wir alle wollen nichts verlieren. Die einen arbeiten dafür wie die Wahnsinnigen, die anderen intrigieren oder betrügen. Und wieder andere hassen die, von denen sie glauben, dass sie ihnen ein Stück vom Kuchen wegnehmen. So sind wir nun mal.

ZEIT: Gerade ist eine Partei, die auch von diesem Hass lebt, in den deutschen Bundestag gewählt worden.

Haneke: Es steht mir nicht zu, über deutsche Politik zu reden. Ich kann aber über die österreichische Politik reden. Und ich finde es völlig unverständlich, dass die extreme Rechte bei uns so einen hohen Prozentsatz hat. Wir sind eines der reichsten Länder der Welt, wir haben keine sozialen Probleme. Da kann einen dieser Zulauf für die extremen Rechten schon deprimieren und beschämen.

ZEIT: "Rundherum die Welt und wir mittendrin, blind" – in dem Motto Ihres neuen Films liegt auch ein leises Bedauern.

Haneke: Das ist zunächst einmal eine Feststellung, eine Standortbeschreibung. Wir sind emotional blind. Wir, in unseren wirklich reichen Ländern, beschäftigen uns nur mit uns selbst. Alle haben deshalb ein schlechtes Gewissen, mich eingeschlossen. Das lässt sich nicht ändern, aber man kann es den Menschen ja hin und wieder einmal vor Augen führen.

ZEIT: In einer Szene von Happy End fährt die Unternehmerin Anne Laurent, gespielt von Isabelle Huppert, über die Autobahn zum Tunnel nach England. Am Straßenrand sieht man den Zaun, der die Migranten vom Grenzübertritt abhalten soll. Das wirkt ganz beiläufig.

Haneke: Als ich zum ersten Mal nach Calais kam, wusste ich natürlich durch das Fernsehen von der Existenz des Zauns. Aber wenn man dann wirklich auf dieser Autobahn ist, kriegt man Beklemmungen. Man fährt auf der "besseren" Seite, und die Straße führt endlos an diesem vier Meter hohen Zaun entlang. Dahinter kommen übrigens noch mehr Zäune. Dieser Zaun ist ein Sinnbild unserer Abschottung. Ich habe ihn absichtlich nicht deutlicher gezeigt, es gibt sogar Leute, die ihn gar nicht wahrgenommen haben, weil sie in dieser Einstellung nur auf Isabelle Huppert achten.