Die Nase glüht in einem Hellorange, und violett schimmert die Stirn, während über die Wangen ein so rätselhaftes Blau läuft, als wollte sich das ganze Gesicht schon im nächsten Augenblick entzünden, wie eine Gasflamme, die den dunklen Saal erleuchtet. Es war Anfang des Monats in Cupertino, der Apple-Konzern hatte wieder zur Produktmesse geladen – und um die wichtigste seiner wichtigen Neuheiten anzupreisen, zauberte er just dieses Bild auf die Leinwand, ein Gesicht aus Licht und Wärme.

Es war eine auf schöne Weise schauerliche Szene. Und dass der Kopf nur deshalb wie ein Glühkörper aussah, weil er gerade vom Supersensor-Auge des neuen iPhones abgetastet wurde, machte die Sache noch ein wenig nachtmahrhafter. Gemeint war es selbstverständlich anders: als erhellender Blick in eine Zukunft, in der die Dinge sehen, hören, fühlen und den Menschen besser kennen als dieser sich selbst. 30.000 unsichtbare Punkte wirft das neue Smartphone aufs Gesicht seines Gegenübers, und auch wer sich mit Mütze, Brille, Bart zu entstellen sucht, wird umstandslos in einen Datensatz verwandelt.

Diese Idee einer Macht, die alles überblickt und jeden durchdringt, die gottgleich die Welt zu umfassen vermag, ist mindestens so alt wie die Moderne. Und ebenso lange gibt es ein schweres Unbehagen daran, nicht zuletzt bei vielen Künstlern. Als die Aufklärung zum neuen Leitbild wurde, irgendwann im 18. Jahrhundert, duckten sie sich weg vor den Fackeln der Vernunft, bauten sich Höhlen des Widersinns und entdeckten die Lust am Schauder, am Grusel, an der Angst. Später hieß das schwarze Romantik.

Heute heißt es wieder so, und wieder gibt es Künstler, die ins Dunkle und Dämonische abtauchen. Gerade versammelt eine Ausstellung in Kiel, was sonst nur versprengt zu sehen ist: lauter umnachtete Werke, teerig und tintig, mit einer ausgeprägten Liebe zum Morbiden. Aus der Mode kennt man es längst, auch in der Popszene gibt es viele, die mit Deathmetal und Gothic-Grusel von einer Wehmut erzählen, die in der ansonsten so proper aufgeräumten Wellnessgegenwart eigentlich nicht vorgesehen ist.

"Wenn die Vernunft alle ihre Kräfte aufbietet, so fühlt sie endlich, wie sie fürchterlich auf einer schmalen Spitze schwankt und im Begriffe ist, ins Gebiet des Wahnsinns zu stürzen", schrieb der Romantiker Ludwig Tieck um 1795. Dieser drohende Absturz wird heute nicht selten als Kitzel empfunden oder gar als Fest. Gleich zu Beginn der Ausstellung begrüßt ein silbriger Tierschädel die Besucher, er trägt ein Partyhütchen und wird von Luftschlangen umspielt, daneben steht ein Plastikbecher mit bräunlichem Sud, darin Zigarettenstummel. Man weiß nicht recht, was abgestandener ist, die Bierbrühe oder das kokette Vanitas-Symbol.

Doch ist es den meisten Künstlern hier verdammt ernst mit ihrem dunklen Pathos: Sie malen traumverlorene Gestalten (Iris van Dongen), legen dicke schwarze Farbschichten über die romantischen Landschaftsmotive eines Caspar David Friedrich (Sven Drühl) oder tauchen ihre Nachtbilder in wallend blaue Nebel (Berthold Bock). Aus all dem spricht ein Verlangen nach Unergründlichkeit, auch wenn es gelegentlich so wirkt, als werfe die Kunst sich den Schleier des Geheimnisvollen vor allem deshalb über, damit ihre Dürftigkeit nicht so sehr auffällt.