Sein gesamtes Forscherleben hat Norbert Jürgens (64) der Biodiversität gewidmet. Der Botaniker koordiniert die größten deutschen Forschungsprojekte zur Artenvielfalt in Afrika – in Zusammenarbeit mit mehr als 15 Staaten.

DIE ZEIT: Sie bauen ein weltweites Beobachtungs-Messnetz für die biologische Artenvielfalt und Ökosysteme auf. Allein das Bundesforschungsministerium hat bisher 49,5 Millionen Euro in dieses Programm investiert. Warum soll der Steuerzahler so viel Geld für das Zählen von Ameisen in Afrika ausgeben?

Norbert Jürgens: Die Ökosysteme, ihre Organismen und ihre genetische Vielfalt sind die Grundlage unserer Landwirtschaft und unserer gesunden Umwelt. Wir müssen verstehen lernen, wie und warum sich die biologische Vielfalt verändert.

ZEIT: Die Vielfalt des Lebens wird seit Jahrhunderten erforscht. Was bringen Ihre Messstationen?

Jürgens: Wir können besser vorhersagen, welche Artengemeinschaften gefährdet sind, und früher eingreifen, um Verluste zu vermeiden, die am Ende auch uns Menschen schaden. Aus dem gleichen Grund betreiben wir Wetterstationen: Wir können die Menschen besser schützen, wenn wir wissen, wann und wo ein Unwetter zuschlägt.

ZEIT: Sie errichten also gleichsam Frühwarnsysteme für den Verlust biologischer Vielfalt?

Jürgens: Genau das tun wir! Dafür braucht man die Kombination mit normalen Wetterstationen, weil der Klimawandel eine der wichtigsten Ursachen für Verschiebungen der biologischen Vielfalt ist. Ändert sich das Klima, ändern sich Lebensgemeinschaften. Bestimmte Pflanzen verschwinden, andere kommen neu hinzu. Das hat wiederum einen starken Einfluss auf die Tierwelt. Ein weiterer zentraler Faktor ist die menschliche Landnutzung. Die bringt direkte Eingriffe in die Natur: Beweidung, Rodung, Ackerbau, Pestizideinsatz, Mineraldünger oder Entwässerung. Und es gibt zahlreiche indirekte Folgeeffekte der Landwirtschaft wie Brände, das Sterben von Bienenvölkern oder die Invasion neuer Arten. Es war eine der größten Herausforderungen, festzulegen, was davon wir eigentlich beobachten und protokollieren wollen.

ZEIT: Worin genau liegt da das Problem?

Jürgens: Temperatur, Niederschlag, Windgeschwindigkeit oder Sonnenscheindauer sind überschaubare Parameter, verglichen mit der Vielfalt der Gene und Ökosysteme. Um weltweit abgestimmte Messungen durchführen zu können, haben wir uns als Global Biodiversity Observation Network organisiert. Wir nehmen Bodenproben, zählen Tier- und Pflanzenarten, sammeln Wetterdaten, dokumentieren Veränderungen fotografisch – mit international abgestimmten Methoden.