Was für ein asozialer, unangenehmer, quälender, selbstmitleidiger und superlustiger Roman. Hier hat sich einer wenig oder überhaupt keine Mühe gegeben, die eigene Biografie zu überhöhen oder zu verfremden. Warum auch? Ist das echte Leben des viel gefeierten und oft belächelten Künstlers Oskar Roehler – als Filmregisseur arbeitete er sich in eine Sackgasse hinein, als Schriftsteller lässt er nun, in seinem dritten Roman, seinem merkwürdigen Hass, seiner Verachtung und seinem Lebensüberdruss freien Lauf – nicht viel interessanter, widersprüchlicher und glamouröser und viel bessere Literatur als eine blöde ausgedachte Romanfigur?

Da sitzt der schreibende Filmemacher im von der Tür am weitesten entfernten Eck im Berliner Restaurant Borchardt – da, wo für gewöhnlich die wirklich Wichtigen platziert werden (nicht die Künstler, sondern die Politiker und Wirtschaftsbosse). Er trägt klassische Gangster-Garderobe à la Reservoir Dogs (schwarzer Anzug, schwarzer Schlips) und eine von Rainald Goetz einst so treffend als Blumenhändler-Rolex bezeichnete teure Stahlarmbanduhr. Die enorm zugewandte, aufmerksame, fast altmodisch höfliche Art der Gesprächsführung des Oskar Roehler – er will immer ganz viel lächeln und noch lieber schallend laut lachen. Von den beweglichen, braunen Augen hinter dem schwarzen Hornbrillengestell gehen Ironie und eine fast kindlich wirkende Lust am Spielen und Unsinn-Reden aus – so weit sind wir also doch schon Opfer der Verfremdungskunst des Romanautors Oskar Roehler: Nach der Lektüre von Selbstverfickung kann man sich kaum einen anderen als einen harten, im Sozialen irgendwie behindert agierenden Typen vorstellen. Der gut gekleidete Herr am Borchardt-Tisch erzählt jetzt – und das ist wirklich eine Pointe, weil sein Roman, in einem Satz gesagt, eine Abrechnung mit der deutschen Filmbranche darstellt –, dass er überlege, später am Abend noch beim Filmball "100 Jahre UFA" am Funkturm vorbeizuschauen.

Die künstlerische Biografie des Oskar Roehler, 1959 als Sohn der Schriftstellerin Gisela Elsner und des Übersetzers und Schriftstellers Klaus Roehler geboren, in wenigen Sätzen erzählt: Der Film, der seinen Ruhm begründete und ihn bis heute verfolgt, ist natürlich Die Unberührbare (mit Hannelore Elsner, 2000 mit dem Deutschen Filmpreis in Gold ausgezeichnet). Über die nächsten 15 Jahre entstand das sehr eigene Roehlersche Filmkunstwerk, das nie langweilig war, aber eben auch immer maßlos und von irren Ängsten und Obsessionen getrieben (Suck My Dick, Der alte Affe Angst), und das zuletzt keine Zuschauer mehr fand (Tod den Hippies!! Es lebe der Punk). Seit 2011 schreibt Roehler Prosa, erst den Roman Herkunft, vor zwei Jahren erschienen seine autobiografischen Aufzeichnungen aus dem Mauer-Berlin der achtziger Jahre Mein Leben als Affenarsch.

In Selbstverfickung zieht ein Ende fünfzigjähriger Regisseur und Schriftsteller Bilanz. Es geht irgendwie nicht weiter, das Leben war nicht ganz scheiße (die Hauptfigur Gregor Samsa ist ein geachtetes Mitglied der deutschen Kulturszene, er lebt in materiellem Wohlstand, hat einige bei der Kritik gefeierte, beim Publikum mäßig erfolgreiche Filme gedreht), aber der große Erfolg blieb aus, und seit nun schon Jahren bietet das Leben keine wirklichen Überraschungen mehr. Gregor Samsa (ja, das soll wirklich ein Zitat der Hauptfigur in Kafkas Die Verwandlung sein) lässt sich brutal gehen. Er fährt schon morgens früh um sechs in den Puff, dann geht es zum Hummerfressen und Champagner-Trinken ins KaDeWe. Dieser Samsa hat einen sagenhaften Hass gegen alle, die man in unserer bundesrepublikanischen Gesellschaft nicht hassen und verachten darf, ohne sich gesellschaftlich ins Abseits zu stellen – es geht gegen Immigranten, gegen Türken, Bulgaren, überhaupt gegen "Männer aus dem arabischen Raum", gegen Schwule, Obdachlose, gegen Flaschensammler, es geht gegen Künstler, gegen spießige und verlogene Künstler, gegen Karrierekünstler, gegen Akademiker und Feuilletonisten, es geht, natürlich, gegen das linksliberale Bürgertum und den linksliberalen Konsens, gegen Netzwerker, die die Künstler ersetzt haben, gegen die "Machtlosigkeit des Künstlerindividuums im Kapitalismus" (oje), und es geht, immer wieder, in grandiosen Kaskaden, gegen die deutsche Kino- und Kulturbranche.

So schreibt sich Gregor Samsa aka Oskar Roehler, dieser große Durchdreher, der Punk, Wutbürger und gekränkte Narziss, in einen wüsten Schimpf- und Wutmonolog hinein und in ein bitterböses, letztlich zutiefst resignatives und konservatives Weltbild. Vom AfD-Wähler unterscheidet diesen Helden nur noch eine Nuance – es ist sein radikaler künstlerischer Impetus: Dieser Gregor Samsa ist schlicht zu asozial und zu kaputt, aber auch zu frei, zu durchgedreht und zu lustig, um einer anderen Idee oder einem anderen Programm verpflichtet zu sein als seiner eigenen Kaputtheit und seinem eigenen Narzissmus. Der Roehlersche Hass kann müde und deprimierend sein (welcher Leser möchte die zwanzig Seiten lange, in letzter Sekunde dann doch noch erfolgreiche Penetration einer armen litauischen Prostituierten lesen?). Und der Roehlersche Hass ist immer wieder zutiefst wahr, gewinnbringend und funky.

Gleich auf Seite 10 – und diese Szene gibt etwas von der Hemmungslosigkeit und der sadistischen Härte wieder, mit der Roehler Grenzen des guten Geschmacks und der viel geschmähten Political Correctness übertritt – hat Samsa eine Begegnung mit einem aus dem Ausland stammenden Kaufhaus-Wachmann. Samsa identifiziert den Wachmann als Gorilla, als Halbfaffen, als Primaten. "Du bist ein Untermensch", flüstert Samsa dem Wächter ins Ohr und genießt es, dass dieser ihm, will er seine Existenz nicht gefährden, nicht ins Gesicht schlagen kann. Es tut wirklich weh, diese Szene zu lesen, und es macht, im selben Moment, einen Höllenspaß – es ist Literatur, die sich solche grässlichen, bis zum Platzen aufgeladenen Szenen leisten kann. Und: Nachdem ein moderater, zeitgemäß verbrämter Faschismus in den Bundestag eingezogen ist, tut es gut, wenigstens in der Kunst zu hören, wie so ein astreiner Rassismus in seiner niedrigsten Form klingt.

Was fragen wir jetzt den freundlichen Herrn am Borchardt-Tisch? Wollte Roehler mit Selbstverfickung einen künstlerischen Selbstmord begehen – wollte er sich aus der deutschen Kinoszene herausschießen? Konkret: Denkt der Regisseur, dass er nach seiner beinharten und so genau sitzenden Abrechnung mit der Filmszene in Deutschland jemals noch ein Regie-Angebot bekommen wird?