Fast jede Sünde kann nach katholischem Verständnis vergeben werden, und zwar vermittels der Gnade. Die Gnade kennt nicht nur Schwarz und Weiß, schuldig oder unschuldig, wie die Juristerei. Die Gnade kennt Graustufen, sie funktioniert nicht binär. Das ist ihr schönster Vorzug und ihr größtes Problem. Denn manchmal wäscht die Gnade etwas rein, das nicht hätte begnadigt werden sollen.

Kürzlich hat Papst Franziskus eine Rede vor der vatikanischen Kinderschutzkommission gehalten. In dieser Rede hat er, wieder spontan, zugegeben, einen Sexualstraftäter, einen Priester aus Norditalien, begnadigt zu haben. Kurz nach seinem Pontifikatsantritt ist das gewesen, Franziskus musste entscheiden, ob er einen des Missbrauchs von Minderjährigen schuldigen Priester seines Amtes enthebt – oder nicht. Franziskus’ Vorgänger Benedikt XVI. hatte empfohlen, Mauro Inzoli, Priester in der Diözese Crema, aus dem Priesterstand zu entlassen, die Glaubenskongregation ebenfalls. Aber der neue Papst glaubte entweder an das Gute in Inzoli oder an die himmlische Kraft der Gnade und ließ ihn gewähren. Ein Leben in Buße und Gebet sollte Inzoli zwar führen, Priester durfte er jedoch bleiben. Der Plan ging nicht auf. Inzoli wurde, so hat der Papst es in seiner Rede jedenfalls gesagt, rückfällig. "Daraus habe ich gelernt", sagte Franziskus zerknirscht, "so etwas werde ich nie wieder tun." Jetzt, im Jahr 2017, hat er Inzoli schließlich laisiert, nachdem neue Beweise publik geworden waren und ein weltliches Gericht ihn schließlich auch des Missbrauchs an mehreren Jungen in den Jahren 2004 bis 2008 für schuldig befunden hat.

So weit, so gut? Nein. Für den päpstlichen Lernprozess ist das Ganze eine schöne Erkenntnis, doch viel gravierender ist die Tatsache, dass der Nulltoleranz-Papst, der angetreten war, mit dem Missbrauch in der Kirche aufzuräumen, selbst genau das getan hat, was weltweit angeprangert wird: Er hat einen Sexualstraftäter zum Schweigen gebracht, aber ihn nicht entfernt. Versetzungen pädophiler Priester sind sprichwörtlich geworden, sie rauben der Kirche jede moralische Glaubwürdigkeit. Jetzt war Franziskus selbst nicht konsequent genug, hat einen Täter gewähren lassen. Offenbar denken viele hohe Hirten noch, man könne Pädophilen vergeben, sie begnadigen und dadurch heilen. So funktioniert es aber nicht.

Die Strafverteidiger Mauro Inzolis bestreiten zwar, dass ihr Mandant nach der Papstbegnadigung rückfällig geworden sei – doch Rückfall oder nicht: Das Zögern des Papstes entgegen der Empfehlung Benedikts und der Glaubenskongregation ist es, was Missbrauchsopfer jetzt an seiner Nulltoleranzpolitik zweifeln lässt: Der Fall des Mauro Inzoli ist der Sündenfall der franziskanischen Barmherzigkeitspolitik.

Denn Barmherzigkeit vermag nicht alles. Barmherzigkeit mit Missbrauchstätern vermag vielleicht gar nichts. Das muss den großen Fürsprecher der Barmherzigkeit schmerzen, ganz klar, doch könnte man auch fragen, warum ein erfahrener Seelsorger wie der Papst zu der Überzeugung hat kommen können, ein Pädophiler werde sich durch nichts als Gebet und Reue ändern. Seine Wortwahl verrät den Papst: In der Rede vor der Kommission sagte er, Päderastie sei eine schreckliche "Sünde und Krankheit". Krankheit? Wie Schnupfen oder Krebs? Ansteckend? Heilbar? Irgendwo zufällig infiziert? Also zu entschuldigen oder zu relativieren? Alle diese Insinuationen wabern um das Wort "Krankheit" herum. Es ist kein gutes Wort. Angemessener wäre das Wort "Verbrechen" gewesen.

Wer eine Nulltoleranzpolitik in Sachen Kindesmissbrauch in den eigenen Reihen fahren will, der darf im Prinzip nicht gnädig sein. "Nulltoleranz ist der richtige Weg, aber sie ist zahnlos, wenn es keine Sanktionen gegen diejenigen gibt, die sie nicht einhalten", sagte Marie Collins, irisches Missbrauchsopfer und ehemaliges Mitglied der päpstlichen Kinderschutzkommission, zur jüngsten Papstrede. Die Kommission hat Collins aus Protest Anfang dieses Jahres verlassen. Jetzt ist kein Missbrauchsopfer mehr in dem Gremium vertreten. Die Kommission sei unterbesetzt, erhalte nicht genug Mittel und renne im römischen Kleriker-Establishment immerzu gegen Wände, erklärte Collins bei ihrem Austritt. Dabei hat die Kinderschutzkommission durchgesetzt, dass Bischöfe, die Missbrauchsfälle nicht melden, zur Rechenschaft gezogen werden können. Damit soll der jahrelang üblichen Schweigepraxis ein Riegel vorgeschoben werden. Das Ex-Kommissionsmitglied Collins bezweifelt allerdings, dass diese Regelung überhaupt angewendet wird.

Statt Recht und Gesetz also doch wieder Gnade? Franziskus selbst hat sich ihrer im Fall Inzoli bedient. Doch Gnade ist ein Herrschaftsinstrument. Im weltlichen Bereich konnten Monarchen Verbrecher begnadigen, und zwar nach Gutdünken, man könnte auch sagen: willkürlich. Gnade ist nichts Demokratisches. Freilich ist der Vatikan ja auch keine Demokratie, doch seit Franziskus’ Amtsantritt schreibt er sich eine Rechtsstaatlichkeit besonders in Sachen Kindesmissbrauch auf die Fahnen. Da darf Gnade keinen Platz haben für einen Missbrauchstäter. Das christliche Gnadenkonzept der prinzipiellen Rettbarkeit eines jeden Menschen kollidiert mit Franziskus’ Aufklärungsanspruch in Sachen Missbrauch. Den Widerspruch muss er aushalten. Der Papst hat mit seinem – menschlich nachvollziehbaren Geständnis – einen Teil des moralischen Kredits verspielt, den er gemeinhin genießt. Immerhin hat er sein Fehlverhalten eingestanden. Es zeigt: Auch dieser Papst hat keine weiße Weste. Die sensiblen Rede-Passagen über den Priester Inzoli wurden von einigen katholischen Medien nach der Rede zurückgehalten. Die Sprengkraft der Sätze ist klar, sie sind ein Politikum.

Ob erwiesene Gnade eine Wirkung auf die Psyche eines Täters hat, ist unbekannt. Das Kirchenrecht kennt jedoch einen Fall von Sünde, der nicht vergeben werden kann, es ist die Sünde wider den Heiligen Geist. Einige Verhaltensweisen qualifizieren sich für diese Sünde, der Katechismus spricht zum Beispiel von dieser: "Wer sich absichtlich weigert, durch Reue das Erbarmen Gottes anzunehmen, weist die Vergebung seiner Sünden und das vom Heiligen Geist angebotene Heil zurück. Eine solche Verhärtung kann zur Unbußfertigkeit bis zum Tod und zum ewigen Verderben führen." Trifft das nicht auf renitente Missbrauchstäter zu, die immer wieder straffällig werden, die keine Reue zeigen? Dann wäre ihr Verhalten in der Tat kein Fall mehr für die Gnade, dann wäre ihr Verhalten schlicht unverzeihlich.