Recht und Gerechtigkeit, sagt Marie-Bernadette Rollins, seien in einem Gerichtsverfahren nicht notwendigerweise das Gleiche, das habe sie jetzt gelernt. Rollins sitzt in einem Café in der Lüneburger Innenstadt, auf dem Tisch hat sie ihre Prozessakte ausgebreitet, 153 Seiten. Sie blättert durch lange Briefwechsel mit ihrem ehemaligen Vermieter, durch Schreiben vom Gericht und von Anwälten.

"Vollstreckbare Forderung" steht da, "Basiszinssatz" und "Kostenfestsetzungsantrag". Rollins hält den letzten Brief der Gegenseite in der Hand: Solle sie nicht zahlen, heißt es, würden "Vollstreckungsmaßnahmen ergriffen". Und dann prangt da diese Summe, fett gedruckt: 3080,17 Euro, zu zahlen innerhalb von zwei Wochen an ihren ehemaligen Vermieter, für ausstehende Miete und die Anwaltskosten der Gegenseite.

Viel Geld für eine Studentin. Geld, das Rollins nicht hat.

Marie-Bernadette Rollins ist erst 26 Jahre alt und bereits verschuldet. Der Fall der Studentin begann als gewöhnlicher Mietstreit und endete damit, dass Rollins allein vor Gericht stand, ohne Anwalt. Ihr Fall zeigt, in welch schutzlose Lage man in deutschen Gerichtssälen geraten kann und wie sehr das Zivilrecht teils vom Geld abhängig ist.

Als Rollins nach Lüneburg zog, glaubte sie, es gut erwischt zu haben. Sie hatte sich für Literatur- und Bildungswissenschaften an der Leuphana Universität eingeschrieben, gemeinsam mit ihrem Ehemann fand sie bald eine passende Wohnung. Zwei Zimmer, 62 Quadratmeter, Einbauküche, Badezimmer mit Wanne für 580 Euro warm. Ein Glücksgriff, dachte sie. Bezahlbare Apartments zu finden ist schwierig in Lüneburg. Der durchschnittliche Quadratmeterpreis liegt bei mehr als zehn Euro.

Doch bald nach dem Einzug begann es, in der Wohnung zu schimmeln. Erst an einer Stelle im Wohnzimmer, dann im Flur und im Bad. Rollins reduzierte schrittweise die Mietzahlungen, schließlich zahlte sie gar nicht mehr, die Wohnung war aus ihrer Sicht durch den Schimmel und die anschließenden Baumaßnahmen kaum noch bewohnbar. Rollins’ Vermieter war anderer Auffassung, er forderte die ausstehende Miete schließlich vor dem Amtsgericht Lüneburg ein. Hier beginnt der Fall ungewöhnlich zu werden.

Anders als bei Strafprozessen ist es bei Zivilverfahren möglich, ohne Anwalt aufzutreten. In einem Zivilprozess streiten sich zwei Privatpersonen, es gibt keine anklagende Staatsanwaltschaft – und keinen Anwaltszwang. Immer wieder verteidigen sich Beklagte selbst: meist Menschen, die juristisches Wissen mitbringen.

Die Vorsitzende Richterin widmet dem Streit zwei Verhandlungstage. Beim Prozessauftakt im Oktober 2016 schlägt sie der Studentin und ihrem ehemaligen Vermieter einen Vergleich vor. Doch beide Streitparteien fühlen sich im Recht und können sich nicht auf eine Vergleichssumme einigen. "Für mich wäre es einem Schuldeingeständnis gleichgekommen, diesen Vergleich anzunehmen", sagt Rollins. Der Prozess wird vertagt. Beide Parteien können ihre Zeugen berufen – und für Rollins beginnen die Probleme.

Die Studentin hatte sich an den Mieterverein gewandt, als der Streit mit ihrem Vermieter schlimmer geworden war, dort beriet sie der Anwalt Philipp Aderhold. Rollins hatte eine Rechtsschutzversicherung abgeschlossen, im Falle eines Verfahrens würde die Versicherung ihren Anwalt bezahlen, dachte Rollins. Ein Irrglaube. Der Versicherungsfall, hieß es, sei bereits mit Einzug in die Wohnung ausgelöst worden und liege damit vor Abschluss der Versicherung. Wer also sollte für Rollins’ Anwalt aufkommen?

Zugleich zeichnete sich ab, dass es für die Studentin schwierig würde, Zeugen zu berufen. Anders als in Strafverfahren werden Zeugen in Zivilprozessen nur geladen, wenn die jeweilige Partei einen Vorschuss zur Deckung ihrer Kosten zahlen kann: das Zeugengeld. Damit werden Zeugen für einen möglichen Verdienstausfall entschädigt, für Fahrtkosten und Zeitaufwand. Rollins aber fehlte das nötige Geld.