Wenn Gerhard Schröder an diesem Freitag in den Aufsichtsrat der russischen Ölfirma Rosneft gewählt wird und den Vorsitz übernimmt, fünf Tage nach der historischen Niederlage seiner SPD, geht eine Hexenjagd gegen ihn und seine Partei zu Ende, so dürfte er es sehen. Schröder ist davon überzeugt, dass deutsche Medien und Politiker seine private Entscheidung dafür benutzt hätten, Wahlkampf zu machen. Was geht es die Deutschen schon an, was der Rentner Gerhard Schröder treibt?

Bei Rosneft ist man ohnehin davon überzeugt, dass westliche Medien das Unternehmen politisieren und den Vorstandsvorsitzenden Igor Setschin dämonisieren, anstatt sich damit zu befassen, was für ein Unternehmen Rosneft wirklich ist: nämlich einer der größten Ölförderer der Welt, der Russen, Briten, Chinesen, Katarern und Schweizern gehört, weltweit expandiert und sich seit Mai den Markt in Deutschland vornimmt.

Das ist die offizielle, mit Bilanzen belegte Erfolgsgeschichte von Rosneft. Sie handelt vom mächtigsten Konzern Russlands, der den Weltmarkt aufmischt und mit 20 Milliarden Euro Steuern den russischen Staatshaushalt finanziert. Schröder aber, bald oberster Kontrolleur, sollte sich auch für die andere Geschichte interessieren. Sie handelt von den Methoden und Machenschaften des mehrheitlich staatlichen Konzerns und seines Vorstandsvorsitzenden Igor Setschin, von denen zum Beispiel Alexej Uljukajew erzählen könnte. Bis November war er noch russischer Wirtschaftsminister, seither sitzt er in Hausarrest.

Es ist ein heißer Augusttag, als Uljukajew in einen engen, stickigen Saal des Moskauer Gerichts Samoskworetski geführt wird. Weil noch nie ein Regierungsmitglied in Russland so schnell so tief fiel, drängen sich Dutzende Fotografen und Kameramänner um ihn und werfen ihm Fragen zu. Auf Igor Setschin angesprochen, schweigt Uljukajew. Was könnte er auch sagen? Diesen Prozess hat er ihm zu verdanken.

Uljukajew hat mehr als 15 Kilogramm abgenommen, sein Gesicht ist eingefallen, er presst die Kiefer aufeinander. Statt Hemd, wie früher als Minister, trägt er Poloshirt. Ihm wird vorgeworfen, zwei Millionen Dollar von Igor Setschin erpresst zu haben, damit er, Uljukajew, folgendem Deal zustimmt: Rosneft kauft den Ölproduzenten Baschneft auf – obwohl der privatisiert werden sollte. Staatskonzern kauft Staatskonzern? Dagegen sträubt sich Uljukajew, doch letztlich trägt er die Entscheidung mit. Rosneft kauft Baschneft, niemand hatte mehr geboten. Dann wird Uljukajew verhaftet.

Im Hausarrest habe er wieder Anton Tschechow zu lesen begonnen, von dem er viel über Russland und seine Justiz gelernt habe. An diesem ersten öffentlichen Verhandlungstag hat er die düstere Erzählung Der Mord dabei: Dem religiösen Matwej wird von seinem Vetter und dessen Schwester der Schädel eingeschlagen, alle Anwesenden decken den Mord. Sie verscharren die Leiche, kaufen den Zeugen, und doch werden sie bestraft und zu Lagerarbeit verurteilt. Verbannt findet der Vetter zu einem unverstellten Glauben zurück. "Mit was für einem Ausgang des Prozesses rechnen Sie, einem positiven oder negativen?", fragt ein Journalist Uljukajew. – "Jeder Ausgang ist positiv, denn man wird Lehren daraus ziehen."

Igor Setschin, der Rosneft-Chef, dürfte in diesem Verfahren der wohl wichtigste Zeuge sein, aber er taucht nicht am ersten Verhandlungstag auf, nicht am zweiten, nicht am dritten. Dafür spricht Setschin vor TV-Kameras: Uljukajew habe Geld verlangt und es in sein Auto getan. Setschin soll gemeinsam mit dem Geheimdienst die Geldübergabe fingiert haben, um Uljukajew zu überführen, die Gespräche hat Setschin aufgezeichnet. "Eine Provokation", sagt Uljukajew, der behauptet, Setschin habe ihm das Geld angeboten.