Montagabend, einen Tag nach der Bundestagswahl, geschieht etwas, über das man in Dresden früher müde gelacht hätte: Lutz Bachmann steht auf der Pegida-Bühne im grellen Scheinwerferlicht und philosophiert vom Regieren. "Bei der Landtagswahl 2019 im Februar hier in Sachsen", sagt er, "da wollen wir versuchen, hier einen Ministerpräsidenten in Blau hinzustellen." Also einen von der AfD. Die Masse jubelt.

Vor drei Jahren, so viel ist sicher, hätte man das noch für einen großspurigen Spruch gehalten, für mehr nicht. Aber plötzlich stockt einem der Atem. Ein sächsischer Ministerpräsident von der AfD?

Klar, das ist weiterhin unwahrscheinlich. Einerseits. Andererseits: Nicht einmal das scheint mehr undenkbar in diesem Freistaat, in dieser Zeit. In Sachsen, dem neuen Kernland der AfD.

Diese Partei hat bei der Bundestagswahl etwas geschafft, worauf niemand in Sachsen gefasst war. Natürlich hatte man befürchtet, dass die AfD zur Bundestagswahl stark werden könnte, zumal hier, wo sie seit 2014 im Landtag sitzt. Sogar in der CDU-geführten Staatskanzlei hatte man mit einem AfD-Ergebnis jenseits der 20 Prozent gerechnet.

Aber so heftig?

27 Prozent der Stimmen erhielt die AfD, für sich genommen schon spektakulär. Vor allem bedeutet es: Die AfD hat einen Zehntelprozentpunkt mehr geschafft als die Union. Sie ist, mithin, stärkste Partei. Und als wäre das nicht schon genug der Demütigung, errang die AfD noch drei Direktmandate. So besiegte ein Malermeister aus der Lausitz den sächsischen CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer, der aus dem Bundestag fliegt.

Dieser Zehntelprozentpunkt bringt den ganzen Freistaat in Wallung. Auch wenn eine Bundestagswahl keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Verhältnisse im Land hat – so einen Schock verdaut niemand einfach so. Da muss sich ein Bundesland neu sortieren, und mit ihm eine demoralisierte Regierungspartei.

Zumal die ganze Republik sich fragt: Wie, um Himmels willen, erklärt es sich, dass die AfD in einem deutschen Bundesland stärkste Kraft geworden ist? Und dann auch noch hier, im einst so stolz-schwarzen Sachsen, das Kurt Biedenkopf aufgebaut hat, das er zum CDU-Land machte, das doch immer Pisa-Erfolge feierte, Spar-Meister war, das zweite Bayern sein wollte? Das Land mit Elite-Universität, großer Kunst, großer Kultur?

Es gibt ostdeutsche Ursachen, sächsische Ursachen – und solche, die bei der CDU liegen. Es nimmt ja nicht wunder, dass in dem Land, das Pegida über Jahre nicht in den Griff bekam, auch die AfD floriert. Aber allein das kann es nicht erklären, dass diese plötzlich die CDU überholt. Und so sagen Experten, Politologen, Sozialforscher: Es muss auch mit der spezifisch höfischen Art zu tun haben, in der die CDU in den vergangenen zwei Jahrzehnten das Land regiert hat. Mit der Selbstzufriedenheit, in der gerade die Union den Debatten um den Populismus zu lange ausgewichen ist. Vielleicht auch mit dem Eindruck, dass die Partei, die lange so getan hat, als könne sie den Sachsen absolute Stabilität garantieren – diese absolute Stabilität eben schon lange nicht mehr garantierte.

Wer in diesen Tagen mit CDU-Abgeordneten spricht, der muss sich Mühe geben, richtig hinzuhören: So leise sprechen sie, so fassungslos klingen sie. In Sachsen wird 2019 ein neuer Landtag gewählt. Bedroht fühlen sich nun vor allem Landtagsabgeordnete aus jenen Regionen, in denen die AfD jetzt besonders stark war. Sie kriegen es regelrecht mit der Angst zu tun: Was, wenn in zwei Jahren auch sie ihre Mandate verlieren?

Ein Richtungsstreit ist ausgebrochen: Soll die CDU, in Sachsen traditionell ohnehin schon weit rechts, noch weiter nach rechts rücken? Oder hilft jetzt gerade eine Öffnung, ein neuer Zug zur Mitte?

Natürlich würde man am liebsten mit Stanislaw Tillich selbst sprechen, dem CDU-Landesvorsitzenden und Ministerpräsidenten. Für die ZEIT ist er nicht erreichbar, der Sächsischen Zeitung sagte er, es werde eine "Neuausrichtung der eigenen Politik" geben. Er soll beschlossen haben, einen neuen Kurs einzuschlagen, sagen auch CDU-Leute. Welcher das sein soll? Man weiß es nicht. Zu große Erschütterungen, zu wenig Redelust.