Der Roman Schlafende Sonne von Thomas Lehr ist nicht nur für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert, er ist auch nahezu unlesbar. Auf 640 dicht bedruckten Seiten breitet der Autor ein Panoptikum des deutschen Bewusstseins aus, in dem sich die ganze Megalomanie, die ganze Zerrissenheit und Verwirrung des letzten Jahrhunderts spiegeln. Dafür verwendet Lehr eine Sprache, die sich von der Alltagswahrnehmung radikal abwendet und den Leser auf eine harte Probe stellt. Kurz gesagt: Thomas Lehrs Roman ist Literatur.

Das ist beeindruckend. Doch was hilft der meisterhafte Kunstwille, wenn ein Autor in eine Privatsprache flüchtet, die sich nur mühsam und bruchstückhaft rekonstruieren lässt? Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder man schaut sich den Klappentext an und versucht den Sprachnebel, das asteroidenhafte Rauschen dieses Romans mit den wenigen narrativen Eckdaten, die der Autor zur Verfügung stellt, in Beziehung zu setzen und aufwendig zu entschlüsseln. Oder man kollabiert vor der Satzgewalt und nimmt sich den Text wie ein Fragment vor, wie ein Kuriositätenkabinett flottierender Eindrücke und Bilder, in das man eintauchen und verschwinden, sich fallen lassen oder auch auf ewig verlieren kann.

Wer ehrlich ist, muss dem Roman Unrezensierbarkeit bescheinigen. Man bräuchte viele Monate, zähe Diskussionsrunden an Universitäten, oder besser noch: in Kneipen, und ein fundiertes naturwissenschaftliches Fachwissen, um den zahlreichen Anspielungen, den vielen Perspektivwechseln, den Querverweisen auf Astronomie, Atomphysik, Edmund Husserl und der spiralhaften Geometrie dieses Textes annähernd gerecht zu werden. Der Inhalt ist der Form kompromisslos untergeordnet, sodass sich bei der ersten Lektüre nur kleine Rettungsinseln des Sinns erschließen.

So viel Handlung schimmert immerhin durch: An einem Augusttag des Jahres 2011 feiert die Künstlerin Milena Sonntag eine ihrer wichtigsten Ausstellungen. Ihr fünf Jahre älterer Ehemann Jonas, von Beruf Astrophysiker, bekommt den Auftrag, den Privatdozenten Rudolf Zacharias vom Flughafen abzuholen. Es ist der Ex-Liebhaber von Milena, der eigens für die Eröffnung aus Tokio anreisen will. Die sich daraus ergebende Dreiecksgeschichte ist das Zentrum des Romans, der Aufhänger für Reflexionen, die es dem Autor ermöglichen, in komplexen Rückkopplungen und Sprüngen die letzten hundert Jahre der deutschen Geschichte zu erzählen: das Kaiserreich und die DDR, den Ersten Weltkrieg und den Präfaschismus, die alte Bundesrepublik und das neue Deutschland.

Spätestens nach 200 Seiten entsteht ein Surren und Fiepen im Kopf, das sich weder kontrollieren noch richtig abschalten lässt. Man ahnt, dass der 1957 geborene Lehr, der ja selbst Naturwissenschaftler ist, eine Sprachlogik imitieren wollte, in der Zeit und Raum nicht den Regeln konventioneller Erzähltheorie folgen, sondern den Regeln der Physik. Dadurch entsteht ein magisches und hochgradig irritierendes Gefühl für Zeitlichkeit, für den Prozess des Alterns, für das schnelle Verschwinden von Sinnsystemen und Halt. Liebe, Sex, Geschichte – all das erscheint im Eiltempo der mäandernden Erzählpolyphonie vergänglich und, ja, irgendwie auch abgrundtief traurig. Diesen Roman verstehen zu wollen ist wie das Verstehenwollen der eigenen, interstellar organisierten Existenz: Es ist zum Scheitern verurteilt.

Muss man das gut finden? Nur dann, wenn man diesen Roman als eine Art solare Installation begreift, als Wunder in einer ums Überleben kämpfenden Buchkultur, in der Kunststücke wie diese – autonome Zeugen des Intellekts – wie Paralleluniversen wirken, die sich ihrer Vermarktbarkeit widersetzen und damit letzte Bastionen des geistigen Widerstands sind. Schon das allein ist der Würdigung (und vieler Leser) wert. Auf der Strecke bleibt hingegen die Möglichkeit, Genie und Wahnsinn, existenzielle Welterfassung und blöde Worthudelei scharf zu trennen. Wer würde sich das schon zutrauen? Vieles spricht dafür, dass es zumindest nicht der zuständige Hanser-Lektor war.

Trotz aller Frustration, die so ein Unterfangen produziert, tauchen immer wieder faszinierende Bilder und Beobachtungen auf, die dem Verstand schmeicheln und wie Leckerbissen beim Kraftsport wirken. Wenn Lehr den historischen Times Square beschreibt, dann nehmen seine Sätze so obszöne Kurven und Wendungen, dass der komische Größenwahn dieses Projekts kurz aufleuchtet und sich schmunzelnd bemerkbar macht: "Große Teile des Theatre District hatten die ramponierte Unschuld einer mächtigen schlafenden Hure an der Brust eines drogensüchtigen Poeten, die vergessen hatte, sich abzuschminken". Der exzessive Hang zur Beschreibung von Sexualität (und Brüsten!) hat in diesem Roman ohnehin leitmotivischen Charakter.

Thomas Lehr hat angekündigt, Schlafende Sonne sei nur der erste Teil einer Trilogie, in der weitere Fragmente des letzten Jahrhunderts erzählt werden sollen. Das Buch hört entsprechend mit den Worten "Wird fortgesetzt" auf. Nach eher konventionellen Romanen wie Nabokovs Katze (1999) und einer pynchonhaften Radikalisierung in Texten wie 42 (2005) nähert sich Lehr nun langsam der Sonne, also der Unsterblichkeit, wofür er sich zwangsweise von der Erde verabschieden und seine Leser hinter sich lassen muss. Das wird nicht jedem gefallen. Doch welcher Autor schreibt schon, um zu gefallen, wenn die Unendlichkeit so viel länger und so viel schöner aus der Ferne strahlt?

Thomas Lehr: Schlafende Sonne. 
Hanser Verlag, München 2017; 640 Seiten, 28,– €