Liebe Leute von "Staub zu Glitzer", die ihr die Berliner Volksbühne besetzt haltet und mit Kinderschminkkursen und Karottenschnippeln gegen "Gentrifizierung" und für ein "besseres Berlin" protestiert: Ihr habt die falsche Immobilie erwischt! Zieht um! Ein paar Steinwürfe weiter südwestlich nur hätte eure Sponti-Aktion viel mehr Effekt, garantiert, denn da steht die Staatsoper Unter den Linden, Berlins erstes, ältestes und kostbarstes Opernhaus. Dieses ist zwar noch eine Baustelle – sieben Jahre lang wurde hier für satte 400 Millionen Euro saniert, entkernt, unterhöhlt, aufgepfählt, abgedichtet, akustisch nachgebessert und frisch vergoldet –, soll aber trotzdem am 3. Oktober mit Pomp und Trara und Merkel und Schäuble und Live-Übertragung auf Arte sowie bundesweit im Radio wiedereröffnet werden.

Was böte eine Baustelle wie diese, bei der Metapher angefangen, für ein kreatives Potenzial! Wenige Tage noch bis zur Eröffnung, drinnen wühlt sich der Probenbetrieb durch den Dschungel der technischen Innovationen, draußen wird gebaggert, gebohrt und gepflastert. Die neuen Sicherheitstüren sind zwar elektronisch zu bedienen, mit sogenannten Transpondern, oft tun es aber noch simple Sperrholzplatten – und zur Not hülfe wohl auch ein Pflasterstein. Je nachdem, auf wessen Seite sich die herumwuselnden Handwerker bei einer "Übernahme" schlügen, wäre es ein Kinderspiel, die Arbeiten wie die Proben zu sprengen. Die offenen Münder von Generalmusikdirektor Daniel Barenboim, Staatsopernintendant Jürgen Flimm und dem als Eröffnungsbühnenbildner engagierten Malerfürsten Markus Lüpertz jedenfalls sorgten für deutlich mehr Genugtuung als die windelweichen Vermittlungsversuche von Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) an der Volksbühnen-Front.

Allerdings darf man sich in der Wehrhaftigkeit der Hochkultur nicht täuschen. Was in der Mitte Berlins heranwächst – mit der Museumsinsel, dem Humboldt Forum, dem Boulez-Saal und der zukünftigen Kunsthalle der Deutschen Bank im Prinzessinnenpalais –, ist nicht weniger als ein in Stein gemeißeltes Bekenntnis. Man mag es rückwärtsgewandt finden, all diese Kästen baulich zu optimieren und mit mehr oder weniger neuen Inhalten zu füllen, zukunftsängstlich sogar und in den einzelnen Konzepten sträflich wirr. Die Kraft aber, der Atem und die Gelder, die es braucht, ein solches Mammutprojekt über Jahrzehnte hinweg zu stemmen, sind bemerkenswert.

Die Staatsoper mit ihrem neuen, denkmalschützerisch pinkfarbenen Putz könnte zum Glutkern dieses Ensembles werden. Weil sie so vieles zugleich verkörpert: ein wenig Preußens Gloria à la Knobelsdorff, ein wenig DDR-Nostalgie à la Richard Paulick, der das kriegszerstörte Haus 1956 in, nun ja, realsozialistischem Rokoko wieder aufbaute – und nun eben auch ein Stück globalisierte Gegenwart, vor allem dank der spektakulären, sich netzartig hoch über dem dritten Rang spannenden Nachhallgalerie und einer High-End-Bühnentechnik, nach der man sich bis ins ferne Sydney (das Opernhaus dort wird ebenfalls gerade saniert) alle Finger schleckt. Aus dem Ost-Operchen, das 2010 wegen Sicherheitsmängeln geschlossen werden musste und für das verflossene Berliner Kultursenatoren die Devise ausgaben, statt Wagner und Verdi doch lieber nur Barockopern zu spielen, ist ein großes, urbanes Haus mit Charakter geworden. Ohne Daniel Barenboim, den hartnäckigen Strippenzieher, wäre dieser Coup schwerlich geglückt.

Jetzt müsste der Öffentlichkeit nur noch begreiflich gemacht werden, dass es ihre Schätze sind, die Berlins Mitte hegt, von der Musik (am 3. Oktober eröffnet die Lindenoper mit einer szenischen Version von Robert Schumanns Faust-Szenen) über die antiken und die ethnologischen Sammlungen bis hin zur zeitgenössischen Kunst. Insofern, liebe Glitzerstäublinge, habt ihr mit eurer Aktion nicht ganz unrecht. Nur seid ihr selber leider keine Künstler, singen oder ein Instrument spielen könnt ihr wahrscheinlich erst recht nicht, und vielleicht habt ihr deshalb nicht die Lindenoper zu eurem Protestquartier erwählt.

Apropos Wehrhaftigkeit: In einem nüchternen Projektdatenpapier des Opernhauses steht, dass das neue, voll elektronische Tragwerk des Bühnenturms (früher hieß das Schnürboden) bis zu 140 Tonnen Gewicht fassen könne, was der Last von zwei Kampfpanzern entspräche, Typ Leopard 2. Abgesehen davon, dass der gemeine Opernliebhaber sich offenbar nur mithilfe von Großwaffen ein Bild von dem zu machen versteht, was ihn erwartet, verwundert dieser martialische Vergleich doch sehr. Panzer zu Kunstscharen, Kunst zu Panzern? "Präludium" nennt sich die am 3. Oktober startende Eröffnungswoche, weil das Opernhaus nach nur zwei Vorstellungen und vier Konzerten gleich wieder geschlossen wird, um erst Anfang Dezember, zu seinem 275. Geburtstag, mit Hänsel und Gretel (Regie Achim Freyer) die erste vollgültige szenische Produktion zu zeigen.