In einer Megastadt wie London, wo die Straßen und U-Bahnen zum Ersticken überfüllt sind, bedeutet Uber für Zehntausende Menschen täglich ein kurzes Atemholen. Statt in die volle tube oder das teure Taxi einzusteigen, tippen sie auf die Smartphone-App, und ein Auto holt sie ab, das schneller bei ihnen ist und sie um etwa ein Drittel günstiger als das gewöhnliche Taxi an ihr Ziel bringt. Allein in London hat Uber heute 3,5 Millionen registrierte Nutzer und 40.000 Fahrer. Damit ist dem Start-up, das 2009 im Silicon Valley gegründet wurde, ein Coup gelungen: das ewig geglaubte Monopol der cabbies, der Londoner Taxifahrer, zu brechen.

Doch damit ist jetzt Schluss: Die Verkehrsaufsicht will Ubers Lizenz nicht verlängern. Das ist nicht bloß die nächste skurrile Nachricht von der Insel. Die Entscheidung ist mehr, sie ist die nächste Runde in einem größeren Kampf, dessen Sieger noch nicht feststeht: Rechtsstaat gegen Tech-Giganten, bestehende Ordnung gegen Sharing-Economy.

Was Uber für den Verkehr, das ist Airbnb für Hotels, Amazon für Buchhandlungen, Facebook für die Medien: eine Umwälzung, die so schnell gegangen ist, dass der Gesellschaft erst langsam schwant, was sie bedeutet. Und dass sie eingehegt werden muss.

Was diese Firmen anbieten, ist so furchtbar praktisch: Von der Taxifahrt bis zur Ferienwohnung vermitteln sie Dienste, die jeder gern nutzt – nur viel bequemer und viel günstiger als früher. Sie schaffen das, weil sie es unkompliziert ermöglichen, dass nichts verschwendet wird: Der Berliner kann auf Airbnb einfach das Extrazimmer vermieten, das er ohnehin kaum nutzt. Die Londonerin kann am Wochenende ihr Auto als Uber-Taxi nutzen und so etwas dazuverdienen. Man kann sagen: Eine Fahrt mit dem Uber kann sich auch ein Taxifahrer leisten.

Doch die Sharing-Economy hat ihren Preis: Wo über Airbnb Zimmer vermietet werden, steigen die Mieten für den ganzen Stadtteil. Und wo Uber Hobbyfahrern einen Nebenverdienst beschert, zerstört er einst sichere Jobs für Taxifahrer. Wenn viele profitieren, ist das nicht zwangsläufig ein Gewinn für alle.

Die hyperflexiblen Start-ups sind so nützlich, ihre Methoden so neu, und ihr Wert ist so schnell gestiegen, dass sie scheinbar unangreifbar geworden sind. Das Verbot von London ist da eine starke Geste – und entblößt gleichzeitig eine wahnsinnige Unbeholfenheit: Offiziell begründet London das Aus für Uber mit Sicherheitsbedenken. Die Fahrer seien nicht gut genug überprüft. Diese Gründe gelten – zu Recht – als vorgeschoben, denn im Kern geht es nicht um den Schutz vor Unfällen, der ließe sich anders herstellen. Es geht um eine ganz andere Sicherheit, nämlich die soziale.

Man könnte meinen, die Londoner würden ihren Bürgermeister Sadiq Khan, der das Verbot mitträgt, für den Schachzug gegen den Giganten feiern; stattdessen hat der es nach wenigen Tagen mit 750.000 Unterschriften unter einer Online-Petition für Uber zu tun. Khan steckt unvermutet in der Klemme, sich gleichzeitig mit einem mächtigen Unternehmen und "den kleinen Leuten" anzulegen, die mit Uber fahren oder mit ihm Geld dazuverdienen. Und er steckt dort allein. Schließlich greift hier nicht der Staat durch, sondern nur eine Stadt. Auch wenn das Verbot in London besteht, darf Uber im Rest des Landes weiter fahren.

Nationale Regierungen drücken sich bislang davor, für die Sharing-Economy und ihre Unternehmen klare Regeln zu formulieren. Auch im regelversessenen Deutschland gibt es bislang nichts als Stückwerk: Uber ist in seiner Londoner Form wegen der hier geltenden strengen Regeln zur "Personenbeförderung" aus den dreißiger Jahren zwar verboten. Mit den Folgen von Airbnb jedoch muss jede Kommune selbst fertig werden. In Berlin, das am stärksten mit steigenen Mieten zu kämpfen hat, wurde nach zähem Ringen letztes Jahr eine Regelung durchgesetzt – so wenig wirksam wie die Mietpreisbremse.

Tech-Firmen haben den Konsumenten neue Macht gegeben. Wer von der ineffizienten U-Bahn die Nase voll hat, "takes an Uber". Doch die vermeintlich so nützlichen "Vermittler" sind längst selbst uber-mächtig. Man darf ihnen diese Macht nicht einfach überlassen. Das Londoner Verbot ist nur ein Anfang.