Frau Parzany hat gekocht, es gibt Kartoffelsuppe, dazu Würstchen. Seit über 30 Jahren leben die Parzanys in ihrem Häuschen auf der Kasseler Wilhelmshöhe zur Miete. Damals, 1984, wurde Ulrich Parzany Generalsekretär des deutschen CVJM und blieb es fast 20 Jahre. Nebenbei predigte er bei "ProChrist" via Satellit zu Millionen, verantwortete den "Pavillon der Hoffnung" auf der Expo und wurde auf Einladung des EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber ständiger Gastprediger in der Berliner Gedächtniskirche. Nach dem Gespräch lässt es sich der Pfarrer nicht nehmen, den Besuch zum Bahnhof zu fahren.

Frage: Herr Parzany, Ihre Anklageschrift gegen die verfasste Kirche ist ein Bestseller. Was ärgert Sie so sehr an der EKD?

Ulrich Parzany: Die EKD stellt die Grundlagen des evangelischen Glaubens infrage – ausgerechnet im 500. Jahr der Reformation! Führende Theologen und leitende Bischöfe zweifeln offen die Autorität der Bibel an. Sie ist ihnen nur noch Literatur wie jede andere Literatur. Man könne heute nicht mehr wie die Reformatoren davon ausgehen, dass die Bibel Gottes Wort ist. Die heiße Debatte um die Segnung und Trauung homosexueller Paare zeigt: Die Bibel hat für die EKD keine normative Bedeutung.

Frage: Wenn Sie Gott einmal begegnen und er gibt Ihnen in allen strittigen Fragen recht – was haben Sie dann erreicht?

Parzany: Es geht nicht darum, ob ich recht habe. Jesus hat gesagt: Ich bin die Wahrheit. Daran werden wir alle gemessen.

Frage: Wenn es keine Rolle spielt, ob Sie recht haben, wieso führen Sie dann einen solch erbitterten Kampf für Ihre Wahrheit?

Parzany: Weil sie in der Schrift bezeugt ist. Gott hat sich offenbart in seinem Wort. Das ist der Maßstab. Was passiert, wenn ich ihm begegne, hat Jesus beschrieben: Er will für uns eintreten, wenn wir ihm vertrauen. Rettung bedeutet nicht nur die Lösung einiger Lebensprobleme, sondern die Rettung im Gericht Gottes. Das hat dann natürlich Folgen für die Lebensgestaltung.

Frage: Werden Juden, Muslime und Homosexuelle gerettet?

Parzany: Allen gilt dieses Angebot.

Frage: Nur das Angebot?

Parzany: Wer es ablehnt, möchte offensichtlich auch nicht gerettet werden.

Frage: Sie werden nicht gerettet?

Parzany: Die Entscheidung über die Menschen trifft Gott. Sie werden mich nicht verführen, mich zum Richter aufzuspielen. Es ist nicht unsere Aufgabe, das Gericht Gottes vorwegzunehmen und zu behaupten, wir wüssten, was sein Urteil über Einzelne wäre. Es ist aber unsere Aufgabe, das zu sagen, was Christus in aller Klarheit gesagt hat.

Frage: Zur Homosexualität sagt er kein Wort.

Parzany: Aber er sagt ein starkes Wort zur Ehe von Mann und Frau. Das ist die Bestätigung der Offenbarung Gottes vom Anfang des Alten Testamentes. Die Ablehnung der homosexuellen Praxis im Alten wie im Neuen Testament ist die Kehrseite dieser starken Offenbarung Gottes. Das zu sagen ist unsere Berufung: Lasst uns die Polarität und Gemeinschaft von Mann und Frau als eine Orientierung annehmen, es wird uns guttun.

Frage: Damit aber nehmen Sie dann ja doch das Gericht vorweg, indem Sie bestimmte Lebensentwürfe disqualifizieren.

Parzany: Das ist eine ethische Entscheidung, die man treffen muss, das hat mit dem Gericht nichts zu tun.

Frage: Aber Sie leiten davon Ihren Wahrheitsbegriff ab.

Parzany: Nur weil ich eine ethische Entscheidung nach diesem biblischen Wort vollziehe, setze ich mich nicht auf den Stuhl des Richters.

Frage: Sie treffen diese ethische Entscheidung ja nicht für sich, sondern für andere.

Parzany: Eine ethische Entscheidung in dieser Frage betrifft alle Menschen, nicht nur mich. Die Offenbarung Gottes über die Polarität von Mann und Frau ist ja nicht wahr, weil ich es meine.

Frage: Das klingt für mich sehr nach einer höchstrichterlichen Entscheidung, die Sie aufgrund theologischer Grundentscheidungen treffen.

Parzany: Ich verweise nur auf die Quelle, die Heilige Schrift, die Offenbarung Gottes, die das klipp und klar ausdrückt.

Frage: Ihr "klipp und klar" ist ganz schön umstritten.

Parzany: Es gibt weder im Alten Testament noch im Neuen Testament auch nur ansatzweise eine Billigung der homosexuellen Praxis.

Frage: Sie können doch aber auch nicht von einer positiven Aussage über das eine Lebensmodell eine negative für ein anderes ableiten.

Parzany: Jesus hatte keinen Grund, über die homosexuelle Praxis zu sprechen, weil er an ihrer Bewertung im Judentum nichts zu kritisieren hatte. Ganz anders etwa bei der Scheidung: Sie war im Judentum allzu leicht möglich, das hat er korrigiert.