Eine Gruppe junger Akademiker gründet in Ungarn eine Partei. Sie sind weder links noch rechts – aber entschlossen, Premierminister Viktor Orbán aus dem Amt zu drängen.

Der Mann, in dem manche schon den Emmanuel Macron Ungarns sehen, trägt Hemd und eine akkurate Frisur. Aufgeräumt und hellwach sitzt András Fekete-Györ in einem weitläufigen Keller in der Budapester Innenstadt. "2010 habe ich Viktor Orbán gewählt", sagt er. "Ich habe gehofft, er würde Ungarn Stabilität und sozialen Frieden bringen." Seine Hoffnung wurde enttäuscht. Fekete-Györ zählt auf: "Orbán hat das Verfassungsgericht entmachtet, die Medien reglementiert und die private Rentenvorsorge verstaatlicht, also gestohlen." Und dann sei da noch die Scham, der Schmerz, weil der ungarische Premier den Ruf der Heimat in Westeuropa ruiniere.

Deshalb hat Fekete-Györ eine Partei gegründet: Momentum.

Fahnen und Transparente lehnen an der Wand. Auf ein paar alten Sofas sitzen junge Menschen hinter ihren Laptops, in der Ecke steht ein Kickertisch: Das Hauptquartier von Momentum sieht aus wie eine Studenten-WG. Das passt. Die meisten hier saßen bis vor Kurzem noch in irgendwelchen Hörsälen. Fekete-Györ, studierter Jurist, ist selbst erst 28 Jahre alt. 1.200 Mitglieder hat Momentum seit der Gründung im Jahr 2014 gewinnen können. Orbáns Nimbus der Unbesiegbarkeit ist bereits angekratzt.

Im vergangenen Winter gelang es der Partei, mehr als 250.000 Unterschriften für eine Volksabstimmung über die ungarische Olympia-Bewerbung zu sammeln. Die Regierung befürchtete eine Niederlage und zog die Bewerbung zurück. "Experten hatten uns abgeraten", erzählt András Fekete-Györ. "Das Thema interessiere keinen, es sei zu kalt draußen, und wir hätten nicht genügend Aktivisten." Die Experten lagen falsch. "Seitdem wissen wir: Alles ist möglich!" Er lacht.

Das wichtigste ungarische Nachrichtenportal schrieb: "Dieser junge Ungar hat die Orbán-Regierung erschreckt." Seitdem berichten Oppositionsmedien über alles, was die Führung von Momentum plant, sagt oder tut. Obwohl die Partei in den Umfragen bisher lediglich zwischen einem und fünf Prozent liegt.

Die Erwartungen sind trotzdem groß. Im kommenden April sind Parlamentswahlen, und bisher kann nur die rechtsradikale Jobbik-Partei Viktor Orbáns übermächtiger Regierungspartei Fidesz gefährlich werden. Linke und Liberale sind frustriert. Immer wieder sind in den letzten Jahren neue Oppositionsbewegungen entstanden, haben Hoffnungen geweckt, sind wieder zerfallen oder politisch bedeutungslos geblieben.

Momentum sei anders, sagt der Politologe Gábor Török von der Corvinus-Universität Budapest. "Die linksliberalen Oppositionsbewegungen, die nach 2010 entstanden sind, waren im Grunde antipolitisch. Die Führer von Momentum sind viel realistischer." Sie planten langfristig und wüssten, wie politische Prozesse funktionieren: "Sie bereiten sich darauf vor, Berufspolitiker zu werden."

Dabei ist das politische Profil von Momentum noch unklar. "Ich könnte nicht genau sagen, wofür die Partei steht", sagt Török, in Ungarn einer der prominentesten politischen Analysten. "Sie ist ein leeres Blatt." Er sei für Europa und gegen die in seinen Augen korrupte Fidesz-Regierung, sagt Fekete-Györ, und Momentum sei weder links noch rechts. Als Beispiel nennt er En Marche aus Frankreich. Auch Emmanuel Macron hatte im Wahlkampf gesagt, politisches Lagerdenken sei überholt – und die alteingesessene politische Klasse im Anschluss düpiert. Kann das Fekete-Györ gelingen?

Außer der Ablehnung der Korruption und dem Ja zu Europa enthält das Programm von Momentum ein Sammelsurium unterschiedlichster Forderungen. Fekete-Györ ist für die gleichgeschlechtliche Ehe und ein progressives Steuersystem, findet aber auch den Bau des ungarischen Grenzzauns richtig und betont die Verantwortung für die ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern, ein klassisch konservatives Thema. "Vielleicht sind Ideologien in zehn Jahren wieder wichtig, aber im Moment sind sie es nicht", sagt er. Wichtiger für "das Schicksal der ungarischen Nation" sei, zu wissen, warum eine Million Menschen das Land verlassen.

Die Abwanderung aus Ungarn, der Braindrain der letzten Jahre, ist eines der wichtigsten Themen von Momentum. Es sind vor allem junge Menschen, die gehen. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Publicus haben 85 Prozent der unter 30-Jährigen Angehörige oder Freunde, die dauerhaft im Ausland arbeiten. Etwa 530.000 Ungarn planten zudem, das Land zu verlassen. "Weil sie sich hier wirtschaftlich nicht verwirklichen können, weil die politische Stimmung sie bedrückt und sie keine Zukunft sehen", sagt Fekete-Györ.

Betroffen sind alle Gesellschaftsschichten. Geringqualifizierte arbeiten in französischen Spülküchen, zerteilen Schlachtvieh in der niedersächsischen Fleischindustrie oder pflegen Senioren in London. Die akademische Jugend, kosmopolitisch und polyglott, studiert im Ausland und bleibt anschließend oft dort.

Auch András Fekete-Györ hatte Ungarn verlassen. Er ging schon als Jurastudent nach Freiburg, später nach Frankreich, dann nach Berlin. Bei gelegentlichen Treffen der Diaspora hätten er und seine Freunde sich ungarische Zeitungsartikel vorgelesen, erinnert er sich. Die Regierung ändert die Verfassung. Die Regierung entkernt den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Viktor Orbán baut ein Stadion in seinem Dorf. Sie lachten dann bitter. Folklore aus Orbanistan, vulgär und lächerlich.

Am 15. Januar 2014, so erzählt es Fekete-Györ, habe er begriffen, dass sein Zynismus auch keine Antwort sei. Er saß in seinem fünf Quadratmeter großen Zimmer in Paris, wo er ein Praktikum bei der internationalen Handelskammer machte, und sah ungarische Nachrichten. Vor laufenden Kameras gaben Vertreter der linksliberalen Oppositionsparteien ihr Bündnis gegen Viktor Orbán bei den kommenden Parlamentswahlen bekannt. Es waren altbekannte Gesichter.

"Nach vier Jahren miserabler Regierung durch Viktor Orbán verbündeten sich nur diese inkompetenten, längst diskreditierten Politiker gegen ihn", erzählt er. "Mir wurde klar, dass meine Generation sich schon zu lange von der Politik abgewandt und sie Leuten überlassen hat, die ihrer nicht würdig sind. Ich schämte mich."

Fekete-Györ fuhr nach Budapest und rief neun politisch interessierte Freunde an, Studenten und Berufsanfänger wie er. So begann Momentum.