Es ist eine bizarre Idee, die Patrik Schumacher da hatte. Oder sagen wir: eine echt neoliberale Provokation. Wie die Zürcher Wochenzeitung berichtet, schlug der Baumeister vom Büro Zaha Hadid kürzlich vor, den Hyde Park in London zu überbauen.

Der Hintergrund ist allen klar: Die Zeiten sind rau, Wohnungen in London unbezahlbar. Da heißt es, neu, da heißt es, groß zu denken. Und der Hyde Park ist prächtigstes Bauland in edelster Lage.

Sollte Schumachers radikaler Vorschlag allerdings tatsächlich aufgegriffen werden, wäre der Lärm wohl groß. Der Rasen! Die Bäume! Die grüne Lunge! Ein Aufstand bräche los, wie ihn London selten noch erlebt hat, dessen sind wir gewiss.

Auch auf dem Kontinent wird der Wohnraum knapp, auch hier hat der Kampf ums Grün begonnen, besonders in beliebten Metropolen wie München und Hamburg. "Nachverdichtung" lautet jetzt das Zauber-, das Reizwort. Nachverdichtung, das heißt, statt immer weiter ins Umland zu wuchern, in der Stadt selbst dichter und höher zu bauen, heißt Wohnungen statt Büros. Und eben: Häuser statt Grün.

In Frankfurt ist man vor einigen Jahren auf die Idee gekommen, die im Krieg zerstörte Altstadt neu aufzubauen. Die Bürobatterien der Nachkriegszeit, die dort standen, wurden abgerissen, und in Kürze kann man zwischen Römer und Dom wieder wie vor 1945 durch enge Gassen streichen und in kleine Höfe blicken.

Doch wo bleibt das Grün? Die alte Stadt kannte kein Grün. Schrecklich, befand eine erste Besucherin des nahezu fertiggestellten Gewinkels und beklagte sich bitterlich in einem Brief an die Frankfurter Rundschau: Es gebe "weder Licht noch Sonne", "weder Bäume noch Sträucher weit und breit". Auch werde bald schon "aus den schmalen Winkeln Uringeruch" strömen, "weil kaum Luft zwischen den Gebäuden weht".

Wohl wahr. So ist das. So war das einst in den großen Städten, die wir heute so bewundern: im mittelalterlichen Prag oder in Paris oder eben auch in Frankfurt. Weder Baum noch Strauch. Dafür stank’s, und es gab wenig Luft nach oben.

Steinern waren die Städte. Noch im 19. Jahrhundert, als sie wild expandierten und die alten Wälle sprengten, noch zu Beginn des 20. In den Mietskasernen, im siebten oder achten Hinterhof, da wuchs nicht mal ein Löwenzahn. Oder wie der berühmte Berliner Zeichner Heinrich Zille als Ohrenzeuge notierte: "Mutta, jieb doch die zwee Blumentöppe raus, Lieschen sitzt so jern ins Jrüne!"

70 Prozent der Berliner Kinder, fand 1912 ein Arzt heraus, hatten keine Vorstellung von einem Sonnenaufgang, 76 Prozent kannten keinen Tau, 82 Prozent hatten nie eine Lerche, 49 nie einen Frosch gehört; 53 von hundert hatten noch nie eine Schnecke, 87 noch nie eine Birke gesehen. So war die Steinzeit.

Aus grauer Städte Mauern ging es dann hinaus, Schrebergärten allein genügten nicht mehr. Die grüne Gartenstadt sollte alles wenden. Eine Idee aus England, die auch in Deutschland auf Begeisterung stieß. Zumindest in reduzierter Form, als Gartenvorstadt, wurde sie Wirklichkeit: Dresden-Hellerau und Essens Margarethenhöhe sind die berühmtesten Ensembles und erfreuen ihre Bewohner noch heute mit Gärtchen vor und hinter dem Haus und hohen Straßenbäumen, Grün in allen Farben.