Geboren wurde Wolfgang Tillmans zwar in Remscheid. Und inzwischen lebt er in Berlin und London. Aber ist er, einer der Stars der internationalen Kunst- und Fotografieszene, nicht eigentlich ein Hamburger? Sein Weg zum Weltruhm begann mit dem Aufbruch zum Zivildienst in die Hansestadt. Seine erste Ausstellung, mit Bildern vom Kopierapparat, fand statt im Cafe Gnosa in der Langen Reihe, 1988. Im Jahr darauf ein Initiationserlebnis in der Kunstvereins-Ausstellung D&S (das stand für Differenz und Simulation, Drugs and Sex und noch viel mehr): Hier sah er, was alles Kunst sein kann. Zehn Jahre später bekommt er an der HFBK seine erste Professur. Die erste Überblicksschau des Gesamtwerks? 2001 in den Deichtorhallen. Und 2007, so viel in eigener Sache, war er eine Woche am Speersort zu Gast, um eine Ausgabe des ZEIT-Feuilletons in Kunst zu verwandeln.

Genug gute Gründe also, um den 49-Jährigen zum Stargast eines besonderen Hamburger Jubiläums zu machen. 200 Jahre ist es her, dass sich im Haus des Bleideckers David Christopher Mettlerkamp in den Langen Mühren 37 erstmals Kunstliebhaber trafen, um Zeichnungen und Druckgrafiken anzuschauen und darüber zu debattieren – die Geburtsstunde des Kunstvereins. Und nun hat Tillmans, als Höhe- und Endpunkt der Jubelfeiern, die aktuelle Heimstatt des Vereins am Klosterwall in ein Gesamtkunstwerk verwandelt. Die Lage des Saals, der umtost wird vom mehrspurigen Autowahnsinn im Westen und dem unablässigen Bahntrassengedengel im Osten, hat ihn schon immer fasziniert. "Für mich war der Saal vor allem ein akustisches Erlebnis, diese superintensive Verkehrssituation, das vibriert ja richtig." Dreimal in den vergangenen Monaten hat er sich den Raum intensiv angeschaut und angehört, um herauszufinden, wie er inmitten dieser Kakofonie einen ganz eigenen Ton finden könnte. Am Ende hat er unter anderem (und als Premiere in seinem Werk) eine Soundinstallation konzipiert, 33 Minuten lang, eine Mischung aus Geräuschen, mönchsartigen Gesängen, Wortspielen, Stille.

Für eine weitere Absonderlichkeit des Saals hat Tillmans eine einfache, aber geniale Lösung gefunden. Obwohl drei Seiten durchgängig und bis unter die Decke verglast sind, kann man ja nicht hinausschauen – die Fenster beginnen erst über Kopfhöhe; man sieht kaum etwas von der Stadt, die permanent zu hören ist. Also hat Tillmans zwei Holzpodeste errichtet, durchaus eigenständige Werke, Ausblick genannt, die ungeahnte Perspektiven auf den Hauptbahnhof und das stadtplanerische Schlachtfeld der Cityhöfe eröffnen.

Auch in den Werken an den Wänden setzt Tillmans sein beziehungsreiches Heimspiel fort. Da hängen Aufnahmen vom Hauptbahnhof neben frühen Laserfotokopien aus der Cafe-Gnosa-Zeit. Kopierte Bild-Z eitungsausschnitte erinnern an den Streit um die Hafenstraße. Aber diese autobiografischen Reminiszenzen sind nur Teile einer größeren Versuchsanordnung, die vor allem ein Ziel hat: Zeit (be-)greifbar zu machen. Zwischen 1943 und 1973 lagen 30 Jahre. 30 Jahre nach 1973 war das Jahr 2003 heißt der vollständige Titel der Ausstellung. Mehrfach arrangiert Tillmans dieses nüchterne Nebeneinander gleicher Zeitspannen ("Martin Luther King Jr. hielt seine I have a dream- Rede 27 Jahre vor 1990. 27 Jahre nach 1990 wurde Donald J. Trump als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika eingeschworen") – und setzt damit eine Flut von Überlegungen in Gang. Ist der Zweite Weltkrieg wirklich längst Geschichte? Wie rassistisch sind die USA? Was entscheidet darüber, ob uns ein bestimmter Zeitpunkt unendlich fern oder total gegenwärtig vorkommt?

Zugleich führen die 49 ausgestellten Arbeiten vor, wie sich die Art, Bilder zu machen, in den vergangenen 30 Jahren verändert hat. Die schwarz-weißen Fotokopien scheinen aus grauer Vorzeit zu stammen, selbst das erste digitale Bild vom Ende der Achtziger wirkt neben der neuesten knackscharfen Projektion mit acht Millionen Bildpunkten wie eine Antiquität. Und doch stehen, hängen sie gleichberechtigt nebeneinander. Tillmans’ Eigenart, Fotos wie improvisiert mit Klebestreifen oder Clips an der Wand zu befestigen, suggeriert Spontaneität und Beiläufigkeit; dabei sind Großformate und Kleinbildabzüge, Hell und Dunkel, Altes und Neues wie immer vom Künstler in millimetergenau kalkulierten Spannungsverhältnissen arrangiert.

Eigentlich habe er sich diese Ausstellung nicht aufladen wollen, sagte Tillmans zur Eröffnung, zu sehr fühlte er sich in Beschlag genommen von den Retrospektiven in London und Basel. Aber der Carte blanche, die ihm der Kunstverein zusicherte, konnte er so wenig widerstehen wie der Rückkehr an den Ort, an dem er sich zum ersten Mal als Teil einer Jugendbewegung fühlte. Zum Glück: Mit seinem scharfsinnigen, bildmächtigen Arrangement über das Wesen der Zeit hat er dem Kunstverein zum 200. Geburtstag das schönste Geschenk gemacht.

Wolfgang Tillmans, Kunstverein, Klosterwall 23, bis 12. November