Ja, es muss endlich Schluss sein mit dem Ausdeuten von Befindlichkeiten. Wer AfD wählt, ist selber schuld!

Ganz ehrlich? Ich bin es leid. Die Psychoanalyse der Ostseele ist mir unerträglich geworden. Die Süßlichkeit bereitet mir Pein, mit der einem neuerdings die Politikteile der Zeitungen (auch dieser) einreden, dass es staatsbürgerliche Pflicht sei, Mitgefühl zu haben mit dem Heer der AfD-Wähler im Osten. Wahlweise werden gebrochene Lebensläufe, entwertete Lebensleistungen oder angeblich typisch ostdeutsche Empfindlichkeit verantwortlich gemacht dafür, dass sich Wähler in Sachsen und Co. bei der Bundestagswahl danebenbenahmen.

Da soll der Westen bitte schön dankbar sein, dass die Ostdeutschen fast 30 Jahre nach 1989 überhaupt etwas wählen. Das Bestreben, überall Schuldige für das Wahlergebnis Ost zu finden, nur nicht im Osten, führt bisweilen zu steilen Thesen von absurder Komik. So gab der englische Autor James Hawes in seiner Shortest History of Germany sogar allen Ernstes den Römern Schuld an der Misere. Mit dem Bau des Limes hätten die den Osten der Wildnis überlassen. "Daher gab es hier immer eine starke Sehnsucht nach autoritärer Herrschaft."

An alle ernst zu nehmenden Historiker, die sich nun vor Wut oder Lachen die Schenkel blutig hauen: Irgendwann merken die Menschen im Osten schon, dass das Mitleid auch nur eine Art ist, sie für dumm zu verkaufen, zu entmündigen und wahlweise zu Barbaren, Versagern oder verhaltensauffälligen Kindern zu erklären, denen die Eltern beruhigend den Kopf tätscheln, wenn die Brut mal wieder das Zimmer verwüstet hat. Doch was sonst kann man tun? Ignorieren statt Tätscheln ist keine Alternative. Vor einigen Wochen besuchte die Autorin Jana Hensel einen Wahlkampfauftritt von Angela Merkel in Finsterwalde. Die Finsterwalder buhten und pfiffen. Derweil tat Merkel so, als gäbe es das Pfeifen gar nicht: "Warum", fragte Jana Hensel danach in einem offenen Brief an die Kanzlerin, "wandten Sie sich nicht ein einziges Mal an die Störer?" Doch was hätte sie sagen sollen? Dass die Menschen im Osten nichts dafür können, das Prinzip der freien Rede nicht verstanden zu haben, ungehobelte Bauern sind, die von den Südwessis aus Rom vor 2.000 Jahren ihrem Schicksal überlassen wurden? Für so eine Frechheit hätte sie Pfiffe und Schreie geerntet. Diesmal zu Recht!

Vielleicht hätte Angela Merkel anfangen müssen, wie sie viele Reden beginnt, mit einem schnörkellosen: "Liebe Mitbürger" – ein guter Anfang. Er würde die Schreier daran erinnern, wer sie sind in der Demokratie: Mitbürger eben, Herren ihrer Wahlentscheidungen und verantwortlich dafür. "Und wer Verantwortung trägt", hätte die Kanzlerin anschließen können, "muss damit rechnen, verantwortlich gemacht zu werden." Das gilt für die Kanzlerin genauso wie für jeden Schreier. Also mache ich verantwortlich: Ihr glaubt, dieses Land ist nicht euer Land? Ihr täuscht euch. Es gehört euch wie den Bürgern in Kamp-Lintfort, Marl oder Gelsenkirchen-Buer. Auch tief im Westen gibt es Probleme. Ihr habt kein Monopol auf gebrochene Biografien. Auch anderswo werden Lebensleistungen nicht gewürdigt, gibt es Frust, Enttäuschung, Wut. Gegen Letztere hat Erich Kästner ein Rezept gefunden: "Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao durch den man euch zieht auch noch zu trinken." Nie dürft ihr vergessen, wofür ihr auf die Straße gingt 1989: für Redefreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit. Ihr habt euch die Freiheiten erkämpft. Doch gebt ihr sie nun aus der Hand und wählt eine Partei, die demokratische Grundwerte unterhöhlt und ins Lächerliche zieht, dann sind daran nicht die Römer schuld, nicht die Wessis und auch nicht das Establishment. Dann seid ihr verantwortlich! Dann habt ihr es verbockt!

Es stimmt nicht, dass eure Probleme keinen interessieren. Euer vermeintliches Establishment ist kein Club alter Westmänner mehr. Nehmt Katrin Göring-Eckardt, Manuela Schwesig oder Katja Kipping, wenn ihr schon in der Kanzlerin keine Ostdeutsche mehr sehen wollt. Noch etwas: Euch geht’s zu gut – zu gut jedenfalls, um immer noch Protest zu wählen. Die Abwanderung lässt nach, die Städte sind saniert, die Wirtschaft wächst. Euer Bild von euch und vom Osten entspricht nicht mehr der Lage. Wer Perspektivlosigkeit, Armut, geschwärzte Städte sehen will, fährt ins Ruhrgebiet. Für euch ist Gelsenkirchen-Buer Lichtjahre entfernt. Doch es ist nebenan. Ihr seht nur euch selbst. "Tut mir den Gefallen: Seht euch um." Das hätte Angela Merkel den Menschen in Finsterwalde sagen können. Alles, nur kein Mitleid, kein falsches Verständnis, keine Entschuldigungen. Doch hätten die Bürger es fünf Minuten ausgehalten, ohne zu schreien? Kann man zuhören im Osten, selbst wenn man anderer Meinung ist? Ganz ehrlich? Ich bin es leid, über Befindlichkeit zu reden, solange man nicht mit dem Osten reden kann.