Zum Frühstück schwarzer Kaffee und Kundenkorrespondenz. Laptop im Bett, offene Zahlungen eintreiben, neue Kunden an Land ziehen, während der Rest der Wohngemeinschaft noch schläft. So habe sie die vergangenen Stunden verbracht, erzählt Agnes Aistleitner. Die vergangenen Stunden? Es ist 8.30 Uhr. "Man muss früh beginnen, sonst wird der Tag zu kurz", sagt die 24-Jährige, ein Hauch Selbstironie schwingt mit. Aistleitner ist Jus-Studentin und lebt in Wien. Nebenbei ist sie Textilfabrikantin. In Jordanien.

Es begann im Dezember 2015. Als die "Refugees welcome"-Rufe leiser wurden und die Flüchtlingskrisenszenarien düster, begann Aistleitner zu recherchieren. Las Texte über Migration, über die Flüchtlinge aus Syrien, über die Orte, an denen sie strandeten: Jordanien, Libanon, Türkei. Zwei Monate später saß sie im Flugzeug nach Amman. "Alle meinen immer, man muss vor Ort etwas tun", sagt sie und grinst. "Also hab ich was getan."

Eineinhalb Jahre später produziert Teenah, eine kleine Taschenfabrik im nordjordanischen Irbid, die Aistleitner gemeinsam mit der 28-jährigen Jordanierin Ranim Mekbel führt, 400 Baumwolltaschen pro Tag. Zehn Frauen sind hier beschäftigt, darunter Flüchtlinge aus Syrien. Sie schneiden, nähen, entwerfen und verpacken. Schlichte Baumwolltaschen, auf Wunsch mit Motivdruck. Kommt ein großer Auftrag herein, etwa jene 6.000 Stück, die von der Arbeiterkammer Oberösterreich geordert wurden, greift die Fabrik auf einen Pool an freiberuflichen Heimnäherinnen zurück. Zwei neue Großaufträge verhandle sie gerade, "aber das sind noch keine closed deals". Aistleitner spricht ein Gemisch aus erdigem Mühlviertler Dialekt und geschliffenem Business-English, sie redet schnell. Ein Tag ist auch für langatmige Sätze zu kurz.

Um ein Unternehmen zu gründen, braucht man Anfangskapital. Aistleitner hatte keines. Ihr Blick tut so, als wäre das nichts Ungewöhnliches. Die Flugtickets, die Maschinen, erste Materialbeschaffungen und erste Löhne – das alles habe sie mit Ersparnissen bezahlt, bis schließlich die ersten Verkaufserlöse eintrudelten. Derzeit stehe man bei rund 20.000 Euro Monatsumsatz, dazu kommt ein Zuschuss aus einem jordanischen Start-up-Lab, das auch die Gebäudemiete bezahlt. Die Arbeiterinnen erhalten einen "living wage", der über dem Mindestlohn liegt. Sechs von ihnen sind Syrerinnen, vier Jordanierinnen. Es sei ihr wichtig, nicht nur Flüchtlinge anzustellen. Das stifte bloß Neid – schließlich hätten auch viele Jordanier keinen Job. Außerdem gehe es darum, Grenzen aufzuweichen: zwischen Herkunftsgruppen, aber auch zwischen Geschlechterrollen. "Kinder, die bei Müttern aufwachsen, die ihre Familien ernähren, bekommen ein ganz anderes Gesellschaftsbild."

Aistleitner selbst kommt aus traditionellen Verhältnissen. Mutter Hausfrau, Vater Spengler, 3.000-Einwohner-Gemeinde in Oberösterreich, unweit der tschechischen Grenze. Sie wurde nicht gefördert, aber was wichtiger war: Sie wurde auch nicht behindert. Als sie sich mit 15 Jahren in den Kopf setzte, Japan zu bereisen, nahm sie Kellnerjobs an, bis sie genug Geld gespart hatte, mit 16 fuhr sie los. Zwei Wochen Japan, allein. Ein Jahr später kehrte sie für ein halbes Jahr nach Japan zurück. Ihre Schule bot diesen Schüleraustausch nicht an, sie organisierte sich das selbst. So ging es immer weiter: Praktika in der Modebranche in Los Angeles und New York, mit 18 ließ sie sich in Wien nieder, gründete ein Modelabel, ein Pop-up-Restaurant, eine Online-Lernplattform. "Ich hab viel ausprobiert und bin oft gescheitert", sagt sie. Aber nicht nur. Als in Ägypten die Revolution ausbrach, flog sie nach Kairo und drehte einen Kurzfilm. State of Revolution gewann den Prix Ars Electronica 2012 in der Kategorie U 19.

Die Freundschaften, die sie auf ihren Reisen knüpft, nutzt sie für neue Projekte. Als sie das erste Mal n2ach Jordanien flog, ließ sie sich von ägyptischen Bekannten an deren Kontakte in Jordanien vermitteln, parallel dazu suchte sie im Internet nach interessanten Namen und rief einfach an. Ihre spätere Geschäftspartnerin Ranim wurde ihr auf der Jugendplattform der Welthandelsorganisation empfohlen, deren Mitglied sie ist. Sie telefonierten via Skype, besprachen die Projektidee, waren sich in vielem einig. Etwa darin, dass die Frauen in der Fabrik nicht nur arbeiten, sondern auch ein Bildungsprogramm besuchen sollten, um irgendwann selbst zu Firmengründerinnen zu werden. In zwei Jahren sollen 200 Frauen bei Teenah beschäftigt sein, sagt Aistleitner.

"Agnes ist eine, die sich fast utopische Ziele setzt", sagt Stephan Dertnig, "aber auch eine, die sie fast immer erreicht." Dertnig ist ein Business-Angel, der sich an Neugründungen beteiligt und beratend zur Seite steht. Als solcher hat er vor wenigen Jahren auch Aistleitner kennengelernt, die damals an einem Start-up für Mode aus Nigeria beteiligt war. Aistleitner nennt Dertnig "einen meiner vielen Mentoren".