Sie ist eine Frau der klaren Zeichen, auch visuell: Fotografieren lässt sie sich vorzugsweise ganz in Schwarz, zumeist in Jeans, im T-Shirt, in Stiefeln, in Kulissen mit abblätternden Industriefarben: passt. Dazu die gerade Gestalt, die rötlichen Haare – unverkennbar eine Künstlerin der großen Stadt, die sich um Straßennähe bemüht.

Angelika Niescier spielt Saxofon, Alt- und Sopran-, sie ist eine Jazzvirtuosin mit einem kraftvollen, ungeheuer wandlungsfähigen Ton, eine Musikerin, die sich nicht versteckt, nicht verstellt und ihr Publikum mit kantigen Wendungen, harschen Dissonanzen und schrillen Obertönen herausfordert, wenn die Musik es will.

Säuseln oder Anbiedern an vermutete oder unterstellte Erwartungen des Publikums sind so ganz und gar nicht ihre Sache.

Geboren im Jahr 1970 in Szczecin in Polen an der Ostsee. Mit elf nach Deutschland gekommen, irgendwann mit dem Saxofon angefangen, das übliche Gemogel in den üblichen Bands, aber diese junge Frau fängt Feuer, sie will es wissen. Sie übt und übt und studiert später mit Bravour an der Folkwangschule in Essen.

Seit Beginn des neuen Jahrtausends ist sie in etlichen Formen zwischen Solo, Duo und Trio unterwegs, mit den verschiedenen Inkarnationen ihres Quartetts Sublim und vielen, vielen anderen Bands bis hin zum German Women Jazz Orchestra. Von ihrem deutsch-amerikanischen Quintett erschien vergangenes Jahr die radikal undeutsche Platte NYC Five (bei intakt).

Angelika Niescier ist eine in vielen stilistischen Wassern zwischen dem Stream of Consciousness der freien Improvisation und dem strukturellen Feinsinn zeitgenössischer Komposition gebadete Instrumentalistin, die aus der großen Freiheit in minimalistische Konzentration zu springen vermag, mal improvisierend losgelöst im Hier und Jetzt, mal strukturierend detailversessen, farbenfroh und komplex.

Längst hat sie ihren Radius über die deutsche Grenze hinaus erweitert, ein enges musikalisches Band verbindet sie mit seelenverwandten Protagonisten der New Yorker Szene, wie zum Beispiel dem Schlagzeuger Tyshawn Sorey. Im vergangenen Jahr war ihr Auftritt mit ihm ein Höhepunkt des Jazzfests Berlin. In diesem Jahr ist Tyshawn Sorey als Artist in Residence ein Zugpferd des wichtigsten deutschen Jazzfestivals – und Angelika Niescier ist wieder dabei.

Neben allen unmittelbar musikalischen Projekten schiebt die Saxofonistin auch organisatorisch manches an. Vor einigen Jahren half sie bei der Wiederbelebung der Union Deutscher Jazzmusiker, UDJ, der Jazzgewerkschaft also. In ihrer Wahlheimat Köln initiierte sie vor fünf Jahren das Clubfestival Winterjazz, das sie seither kuratiert. Da geht es darum, die Gesamtheit der Kölner Jazzszene – und somit gern auch die Jazzmusikerinnen – einem breiten Publikum vorzustellen. Am 3. November bekommt sie nun auf dem Jazzfest Berlin den traditionsreichen Albert-Mangelsdorff-Preis verliehen und spielt anschließend.

Man erkennt sie sofort, wenn sie spielt: an diesem Drang, sich schnurstracks ins Ungewisse zu begeben. Sie versteht sich darauf, im Austausch mit ihren Spielpartnern musikalische Ideen auszuspinnen, sie immer noch ein Stückchen weiter zu drehen und zu entwickeln, bis sich die vielen Töne zu einem schillernden Diamanten verdichten.

Nach einer solchen Improvisation taucht dann eine glückstrahlende Musikerin aus dem Taumel der Improvisation wieder auf. Kraftvoll und sonor ist ihr Klang, schnörkellos und zupackend. Sie hat die Offenheit, sich immer wieder neu anregen zu lassen, sich und das Justemilieu des Jazz in der Begegnung mit wechselnden Spielpartnern immer wieder neu herauszufordern. Sie verfügt über eine mitreißende Energie.

Angelika Niescier ist eine Forscherin, spezialisiert darauf, Reibungen aufzuspüren und die entstehende Wärme ins Angenehme zu drehen. Es sind inspirierende Begegnungen, die sie sucht, Begegnungen auch jenseits der engeren Sphäre des Jazz, Begegnungen in einer urbanen Kunst.