Der erste Blick geht auf drei Porträts, sie sind zum Triptychon gehängt, Variationen eines Motivs: Anna (1913). Die Malerin Anita Rée hat diese Gestalt vor einem Hintergrund platziert, der aufgesplittert ist in rostig-braune Fragmente. Eindruck: von etwas Rohem. Mal liegen die Hände lose gefaltet vor dem runden Bauch. Oder die Linke ist wie absichtslos zur Brust hochgehoben. Die Schultern zwei abfallende Linien. Diese Linien werden von den Armen aufgenommen und zurückgeführt zu jenem Punkt, wo die Hände sich treffen, was der Gestalt Halt in einer Raute gibt. Eindruck: von Würde.

In diesen frühen Porträts des Hausmädchens Anna ist schon alles zu sehen, was die Größe der Malerin Anita Rée ausmacht – und diese Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle zu einem wundervollen Ereignis.

Sie sieht Menschen. Rées Geschick, in einer Bewegung das Wesen eines Menschen aufzufangen. Der fast beiläufige Bezug auf die Moderne, ein paar Tupfer Kubismus, ein wenig jener Geometrisierung von Weiblichkeit, die Picasso ins Extreme trieb. Davor entfaltete sie konsequent das Eigene, hier in hellen pastösen Farben, mit respektvollen Schattierungen eines Körpers. Da ist auch die für Rée typische Melancholie. Das Unbehauste des zersplitterten Backgrounds, ein Motiv, das im Leben der Malerin eine unheilvolle Wirkung entfalten sollte. Rée, obwohl aus dem Hamburger Großbürgertum stammend, empfand sich immer als randständig. Nicht genug gewürdigt. Nie genug geliebt. Sie war eine ohne Wurzeln, wie die Kuratorin Karin Schick im Katalog schreibt. Sie irrte herum, zuletzt nach Sylt. Dort brachte sie sich 1933 im Alter von 48 Jahren um.

Die drei Anna- Bilder sind erstmalig hier versammelt. Etwa 80 der 200 gezeigten Werke entstammen privaten Sammlungen, sie waren vorsorglich verschwunden. Freunde hatten die Kunst gerettet vor den Blicken jener Häscher, die in den Dreißigern auf die Pirsch nach "entarteter Kunst" gingen. So blieben diese Werke unsichtbar. Wie auch die 40 Gemälde von Rée, die im Besitz der Hamburger Kunsthalle waren, und vom Pförtner Wilhelm Werner, einem Rée-Begeisterten, versteckt wurden, bis zur Befreiung von den Nazis, und der sie dann zurückschummelte, aber nicht verhindern konnte, dass sie wieder im Keller landeten. Da blieben sie mehr als ein halbes Jahrhundert lang. Auch eine Art von Kunstraub. Es war fast ein Zufall, dass Anita Rées Werk wieder ans Licht kam. Die Kunstwissenschaftlerin Maike Bruhns besuchte 1983 die Hamburger Ausstellung über verfolgte Künstler. Und da war Anita Rée! Drei Bilder! Bruhns recherchierte, sie promovierte über die Malerin, drehte 1983 einen Film über die Verschollene, im kommenden Jahr wird sie ein Werkverzeichnis von Rée veröffentlichen. Diese Ausstellung hat also Flankenschutz durch ein wissenschaftliches Projekt – ein karger Trost für die Ungeheuerlichkeit, dass dies die erste große Rée-Ausstellung in der Hansestadt ist.

Die Schau zeigt das Werk in Motivgruppen. Da wären die Selbstbildnisse. Wie Paula Modersohn-Becker warf Rée diesen forschenden Blick auf sich selber, bis hin zu den erschütternden Zeichnungen im Todesjahr 1933. Man stellt sich vor, wie befruchtend ein Gespräch zwischen Rée und Paula Modersohn-Becker gewesen wäre, auch Letztere eine, die diesen Blick auf Kinder hatte, sehnsuchtsvoll, als Suchen einer Frau ohne Kinder. Immer wieder finden sich anrührende Mutter-Kind-Gruppen. Andererseits aber werden bei Rée und Modersohn-Becker Kinder als Wesen einer eigenen, stillen, abgeschlossenen Welt gezeigt.

Wie für Modersohn-Becker hat eine Paris-Reise für Rée entscheidende Impulse zur Modernität gegeben. Man sieht, etwa in den Landschaftsbildern, die Spuren von Cézanne. Für Rée aber war ein Aufenthalt in Positano vielleicht noch wichtiger. Die Bilder aus Italien haben einen eigenen Raum. Man sieht, wie Rée dort zu einer eigenen Bildlichkeit fand. Stadtlandschaften als surrealistische Traumwelten, mit Bäumen, die sich weiß über Häuser schlängeln.

Und dann gibt es noch jene Bilder, in denen unerwartet eine Lebensfreude durchbricht, Frauenporträts von sinnlicher Farbigkeit. Das wurde Anlass für viele verquälte Hinweise. Hat sie Frauen geliebt? Antwort: Sieht man doch!

Eines der letzten hübschen Porträts stammt aus der Sylter Phase. Es zeigt ein Schaf. Das Schaf hängt in einem weißen Raum. Die Beine sind ängstliche Stöcke. Das Schaf dreht uns den Hintern zu. Auf Rücken und Stirn etwas Rostbraunes. Ansonsten ist es ein sehr schwarzes Schaf.

Anita Rée – Retrospektive. Hamburger Kunsthalle, 6. Oktober 2017 bis 4. Februar 2018