So genau weiß man ja bei Yasmina Reza nie, wie man idealerweise ihre Bücher und Theaterstücke erleben sollte. Tatsächlich funktionieren sie auf der Bühne oft ausgezeichnet, wie der Welterfolg ihres Stückes Kunst beweist. Aber auch die filmische Adaption ihres Stückes Der Gott des Gemetzels durch Roman Polanski 2011 gelang großartig; Reza hatte am Drehbuch mitgearbeitet, und Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz und John C. Reilly brillierten als durchdrehende Paare. Rezas Reportage über den Wahlkämpfer Nicolas Sarkozy Frühmorgens, abends oder nachts von 2007 kann man sich wiederum gut in einer Bühnenfassung vorstellen. Yasmina Reza kann Psychogramme, Milieus und biografische Konstellationen in ihren absonderlichen Abgründigkeiten entwerfen, mit starken Wiedererkennungseffekten. Durch – manchmal allzu routinierte – Überzeichnungen ins Groteske werden diese Effekte noch verstärkt. Rezas unterhaltsame Kunst ist leicht, nicht seicht – womit sie wohl eine genuin französische Spezialität ist, die es im schwergewichtigen Deutschland nicht gibt.

Yasmina Rezas neuer Roman Babylon wiederum ist jetzt in der deutschen Hörbuchversion bestens gelungen. Das liegt vor allem an Maren Kroymann, populär als Schauspielerin und Entertainerin, mit jahrzehntelanger Leseerfahrung hinter dem Mikrofon. Denn diese Vorleserin schafft einen reifen Ton unaufgeregt berichtender Beiläufigkeit, der dem Charakter von Rezas Inszenierung perfekt entspricht. Es geht zwar um nicht weniger als einen Mord – aber Kroymann gelingt es, Interieur, Stimmungen und Dialoge wichtiger erscheinen zu lassen als die Tat selbst. Die erfahrene Krimisprecherin weiß um die Kraft der Nebensächlichkeiten, die ja auch in Rezas Kosmos stets bedeutsam sind.

Mit dem Rowenta-Handstaubsauger will Elisabeth erst einmal die Krümel von der abendlichen Feier beseitigen, nachdem der Nachbar Jean-Lino kurz nach zwei Uhr nachts geklingelt und ihrem Mann Pierre und ihr erklärt hat, er habe soeben ein Stockwerk höher seine Frau Lydie erwürgt. Wie reagiert man auf einen Mord? Zumal wenn Opfer und Täter kurz zuvor noch zu Gast auf der Party waren und sich paargemäß über die Relevanz eines Biohuhns gekabbelt haben? Es war jedenfalls der Auslöser eines tödlichen Konflikts.

Die slapstickhafte Ratlosigkeit des Ehepaars nach Jean-Linos Geständnis wird von Kroymann angenehm zurückhaltend präsentiert – so kommt der rasch scheiternde Versuch, die Leiche in einem Koffer verschwinden zu lassen, ohne falsche Übertreibung zur Geltung. Erzählt wird aus der Perspektive von Elisabeth, in deren hin und her springenden Schilderungen Kroymann mit feinem Gespür die Unsicherheit jedweder Lebenserzählung herausarbeitet. Elisabeth hatte sich mit Jean-Lino angefreundet – aber was wusste sie schon über ihn? Wie hatte sich die Tragödie anbahnen können – hatte sie sich überhaupt angebahnt? Oder handelt es sich um den plötzlichen Abgrund, der sich in jeder scheinbaren Normalität auftun kann? Solche Fragen erörtert Elisabeth zwar nie konkret, allerdings zeigt sich gerade in den abseitigen und skurril-komischen Grübeleien, Erinnerungen und Assoziationen dieser Figur indirekt die unaufhebbare Fragilität der modernen bürgerlichen Existenz. Aber c’est la vie: Mit Reza darf man sich darüber ruhig intelligent amüsieren.