Soll in Krankenhäusern sterben dürfen, wer es will? Die Frage nach dem selbst gewählten, durch Medikamente herbeigeführten Tod, entzweit Christen und Nichtchristen, Progressive und Konservative. In Belgien, einem Land mit liberalen Sterbehilfegesetzen, entzweit sie jetzt auch die Katholiken. Denn die "Brüder der Nächstenliebe" wollen in ihren Krankenhäusern aktive Sterbehilfe zulassen. Der in Rom ansässige Ordensobere will das nicht, ebenso wenig wie Papst Franziskus. Doch die belgischen katholischen Kliniken machen ihr eigenes Ding.

Raf De Rycke, 70 Jahre alt, ist Vorstandsvorsitzender des Vereins der Brüder der Nächstenliebe, die 15 psychiatrische Kliniken in Belgien betreibt. Er will aktive Sterbehilfe für psychisch Kranke im nicht terminalen Stadium in Zukunft in den Zentren zulassen. Er arbeitet für den Orden, ist aber selbst kein Geistlicher. Was für De Rycke eine Antwort auf die liberalen Entwicklungen der vergangenen Jahre in Belgien ist, ist für René Stockman unverständlich. Er schäme sich für die Sterbehilfe-Entscheidung und hoffe, dass sie revidiert werde, schreibt Stockman, der römische Generalobere der Brüder der Nächstenliebe. Der Orden, der in Belgien unter dem Namen "Broeders van Liefde" bekannt ist, hat 603 Mitglieder und ist in 31 Ländern aktiv.

De Rycke und Stockman kennen sich seit 30 Jahren. Einst war De Rycke Stockmans Lehrer in einer kleinen Gemeinde im Norden Belgiens. Die beiden Katholiken arbeiteten jahrelang im Orden zusammen. Nun streiten sie über eine Frage, die Christen spaltet: Ist aktive Sterbehilfe mit der katholischen Lehre vereinbar?

Seit Jahren schreitet die Säkularisierung in Belgien mit großen Schritten voran. Der Raum zwischen der katholischen Lehre und der belgischen Wirklichkeit wächst stetig. Im Jahr 2002 erlaubten die Belgier die aktive Sterbehilfe. Seitdem nehmen immer mehr Menschen diese Möglichkeit in Anspruch. 2022 Menschen wählten im Jahr 2015 den Tod durch die Spritze, die meisten hatten Krebs. Darunter waren 63 Patienten, die an mentalen Krankheiten wie Depression oder Alzheimer litten.

Das Spezialgebiet des 1807 in Gent gegründeten Ordens Brüder der Nächstenliebe ist die Pflege von Menschen mit einer psychischen Krankheit. In Belgien betreuen sie 5500 Patienten. Jedes dritte Krankenhausbett auf dem Feld der psychischen Erkrankungen in Flandern steht in einer Klinik des Ordens. Die Entwicklungen im Bereich der aktiven Sterbehilfe machen vor den Türen der Zentren nicht halt. Immer mehr Patienten fragen danach. Entscheiden sie sich für diesen Weg, werden sie derzeit an andere Einrichtungen überwiesen. Mitarbeiter und Patienten forderten vor etwa zwei Jahren eine Neupositionierung des Ordens. Aus diesem Grund arbeitete De Rycke mit ihnen ein Positionspapier zum Umgang mit aktiver Sterbehilfe in den psychiatrischen Kliniken aus. Das Ergebnis: Aktive Sterbehilfe für psychisch Kranke im nicht terminalen Stadium soll nicht mehr grundsätzlich ausgeschlossen werden. Ein Paukenschlag für die katholische Kirche.

Im Positionspapier schlägt die Organisation eine zweigleisige Pflege vor, in der sowohl die Lebensperspektive als auch die Möglichkeit der aktiven Sterbehilfe in Betracht gezogen werde. Wichtig ist den Verfassern, dass das Ergebnis der Behandlung zu Beginn nicht feststeht und dass Sorgfaltskriterien beachtet werden. Im Mittelpunkt der Pflege stehe immer der Mensch, heißt es.

"Ich bin kein Fan oder Förderer von aktiver Sterbehilfe", sagt Raf De Rycke. Es habe jedoch eine Entwicklung bei dieser ethischen Frage gegeben, und darauf müsse die Organisation in Belgien eine Antwort geben. "Man möchte mit diesem Text nicht auf der Welle mitschwimmen, dass aktive Sterbehilfe in Belgien leicht zu haben ist", betont der Vorstandsvorsitzende. Im Gegenteil, man wolle einen "Damm" errichten, um die Hürden für aktive Sterbehilfe zu erhöhen. Das heißt: Aktive Sterbehilfe soll die Ausnahme sein – aber möglich. Doch das Wort möglich allein löst bei anderen Katholiken schon Schmerzen aus. Der Ordensobere Stockman ist erbost. Er fordert, dass sich die Brüder klar zur katholischen Lehre bekennen und das menschliche Leben vom "Moment der Empfängnis bis zum natürlichen Ende" schützen. Das ist katholisch-traditionelle Linie, ein Abweichen davon im Prinzip nicht möglich.

René Stockmans Zuhause ist seit 17 Jahren Rom. Gespräche mit hohen Geistlichen gehören für ihn zum Alltag. Auch Papst Franziskus hat er bereits mehrmals getroffen. Auf E-Mails antwortet er prompt. Stockman pflegt den Kontakt zu Ordensmitgliedern in aller Welt. Erst vor wenigen Tagen ist er von einer Dienstreise in die Demokratische Republik Kongo zurückgekehrt. Dort hatte er eine neue psychiatrische Klinik eröffnet.

Unter Theologen gilt Stockman als konservativ. Seine Position zu dem Thema Sterbehilfe legte er mehrmals ausführlich dar – zuletzt in einem vierseitigen Kommentar im September. "Also tatsächlich erhält die Selbstbestimmung als Wert momentan eine höhere Wertschätzung als die Unantastbarkeit einer Person", sagt Stockman. "Absoluter Respekt für das Leben ist meiner Meinung nach ein allgemeingültiger Wert und kann nicht einfach als kulturspezifische Angelegenheit beiseitegeschoben werden", findet der Ordensobere.

Zudem geht der Stockman auf das Kriterium der Perspektivlosigkeit ein, das erfüllt sein muss, damit ein Patient in Belgien aktive Sterbehilfe erhalten kann. "Ist Hoffnungslosigkeit nicht immer mit einer psychischen Krankheit verbunden?", schreibt er und fordert mehr Investitionen in neue Therapien, Pflegemodelle, Medikamente und die Entwicklung der Palliativpflege für psychisch Kranke. "Kann aktive Sterbehilfe als ultimative Therapie angesehen werden, wenn alle anderen Behandlungen nicht erfolgreich waren?", fragt Stockman kritisch.