Heiko Schröder, der große Menschenfreund und Unterhalter, in dritter Generation Inhaber und Wirt von Brandenburgs vielleicht doch schönster und lebendigster Kneipe, der Gaststätte Schröder zu Zehdenick, hat Protest gewählt (er will, auf Nachfrage, nicht bestätigen, dass es die Partei war, über die jetzt alle wieder reden, aber es war auf jeden Fall nicht die CDU, der er seit der Wiedervereinigung meistens seine Stimme gegeben hat). Der Mann hinter dem Tresen haut – es ist Freitag nach Mitternacht – einen klassischen Empörungstext raus: "Weißt du, Moritz, ich arbeite 14, 15 Stunden an sechs, manchmal sieben Tagen die Woche. Wenn ich vormittags mein Essen ausfahre und ich sehe die Leute in den Neubauten im Liegestuhl mit der Bierflasche in der Hand mir zuwinken, dann denke ich: Was läuft hier falsch? Bist du denn bescheuert, Heiko? Im Prinzip wird in diesem Land doch der belohnt, der nicht arbeiten geht."

Deutschland im Jahr 27 nach der Wiedervereinigung, es ist die Woche nach der Wahl zum 19. Bundestag. Und natürlich muss jetzt wieder überall gerätselt werden, wie die 27 Prozent AfD in Sachsen (stärkste politische Kraft) und die 20 Prozent AfD in Brandenburg (zweitstärkste Partei, noch vor der SPD) zu verstehen sind: Wie genau soll der selbstbewusste und gelassene Umgang mit den neuen Rechten, den jetzt alle ganz toll und wichtig finden, noch mal funktionieren? Eine Frage, wie sie vielleicht am Stammtisch im Ruhrgebiet, in der Eifel oder in Oberfranken gestellt wird: Warum sind unsere Brüder und Schwestern im Osten eigentlich immer so wütend und nicht ein bisschen zufriedener, wenn wir seit Jahrzehnten Solidaritätszuschlag zahlen, deren Hauswände bunt anstreichen und Straßen neu pflastern?

Sieben Jahre nach Erscheinen des Romans Deutschboden, der Langzeitreportage aus der brandenburgischen Provinz (und drei Jahre nachdem der gleichnamige Film im Kino lief), kehrt der Reporter also in die Kleinstadt zurück – mit Paul, Carl, Mutze und Drüse, den Protagonisten des Romans, wollen wir einen politischen Stammtisch, die Nachbesprechung der Bundestagswahl, abhalten.

Zehdenick, das beschauliche Städtchen an der Havel (rund 13.000 Einwohner), gut eine Autostunde nördlich von Berlin, die alte Arbeiter- und Ziegelbrenner-Stadt – bis in die 1980er Jahre stand hier eines der größten Ziegeleireviere Europas, heute ist der Ort vor allem bei Fahrradtouristen als Station auf dem Radweg Berlin–Kopenhagen bekannt. Es ist für den Reporter – das sei hier nur kurz erklärt – nicht ganz unheikel, erneut das Aufnahmegerät in Zehdenick laufen zu lassen: Die Buchhelden sind, auch wenn das unwahrscheinlich oder kitschig klingen mag, wahre Freunde geworden (die wunderbare Mutter von Paul und Carl schickt dem Reporter all die Jahre an Weihnachten ein Paket mit selbst gestrickten Socken und selbst gekochter Marmelade).

Treffpunkt ist das Hinterzimmer im Ratskeller: ein abgedeckter Billardtisch, Kegelbillard-Pokale. Die schönen alten Pissoirs mit der Ablaufrinne (zu DDR-Zeiten kostete das Wasser nichts, es lief einfach immer durch). Früher hieß der Ratskeller die "Genickschussbude", weil hier die sozialistische Unterwelt und die Knastbrüder ihr Bier tranken. Es hat der Raum – einer politischen Gesprächsrunde durchaus zuträglich – etwas von einer kriminellen Spelunke. Der sehr vertraute Kneipenmann Bernd (trägt seit 30 Jahren dieselbe Lederweste mit Stickern von 70er-Jahre-Rockbands) klopft seine immer noch eins a sitzenden Witze raus – als der Reporter ein Alkoholfreies bestellt, fragt er: "Mit Honig?" Es fällt, mal wieder, der schöne Deutschboden-Begriff "dusselig quatschen" (gepflegten Unsinn erzählen).

Kurze Orientierung, wer hier diskutiert und wie es um die derzeitige Arbeitssituation der Diskutanten bestellt ist (2009 waren drei der vier Jungs auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen): Am Billardtisch nehmen die Brüderpaare Paul und Carl, Mutze und Drüse Platz. Alle vier Männer haben mittlerweile die Aura von ordentlichen Bürgern und ehrbaren Mitgliedern der Gesellschaft (normale Kleidung, dezidiert gute Umgangsformen). Und: Natürlich sehen sie alle immer noch wie Zehdenicker Punks aus (Tätowierungen).

Paul, 35, arbeitet als Haustechniker bei einem Baustoff-Großhändler. Carl, 33, hat seine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger abgeschlossen. Drüse, 40, ist im vergangenen Jahr in ein Dorf bei Neuruppin gezogen (Arbeit bei einem Bauunternehmer). Mutze, 43, Steinsetzer, fährt jeden Morgen um fünf nach Berlin rein: "Mosaik nageln". Ein Stück weit spiegelt die neue bürgerliche Gesetztheit der vier Deutschboden-Helden auch den für Brandenburg nicht untypischen Aufschwung der Kleinstadt wider: Die Arbeitslosigkeit ist von 25 Prozent (2003) auf unter 10 Prozent gesunken, der Trend der Abwanderung konnte vor fünf Jahren gestoppt werden. Der Diskutant Mutze hatte übrigens bis zur letzten Minute erwogen, dem Stammtisch doch besser fernzubleiben – verständlich: Das Kundtun der privaten politischen Meinung in der Zeitung ist nicht ohne.